Am Donnerstag, den 10. September 2026, legt Oracle nach US-Börsenschluss seine Zahlen für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2027 vor. Das Quartal ist kein gewöhnliches Routine-Update: Der Konzern hat in den vergangenen Monaten eine AI-Cloud-Story aufgebaut, die den Kurs deutlich nach oben getrieben hat — und die nun erstmals in harten Zahlen belegt werden muss.
Analystenerwartungen
Der Sell-Side-Konsens liegt bei rund 1,72 bis 1,74 USD bereinigtem EPS, was einem Wachstum von etwa 17 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal entspricht. Beim Umsatz rechnen Analysten mit rund 19,13 Mrd. USD, ein Plus von etwa 28 Prozent gegenüber dem Vorjahreswert von ca. 14,9 Mrd. USD. Besonders im Fokus steht Oracle Cloud Infrastructure (OCI): Das Segment wuchs zuletzt um 93 Prozent, und der Markt will sehen, ob dieses Tempo auch nur annähernd gehalten werden kann. Der AI-Auftragsbestand wird mit rund 638 Mrd. USD beziffert — eine Zahl, die bullische Investoren als Sichtbarkeit auf Jahre hinaus interpretieren, skeptische als Marketing.
Für das Gesamtjahr FY 2027 hat das Management einen Umsatz von rund 90 Mrd. USD in Aussicht gestellt, bei einem bereinigten EPS von etwa 8,05 USD. TD Cowen hat sein Kursziel zuletzt von 300 auf 240 USD gesenkt, behält aber das Kaufvotum — ein Signal, dass die Bewertungsdiskussion läuft, ohne dass die Wachstumsthese aufgegeben wird.
Bewertungskontext
Die Aktie notiert aktuell im Bereich von 154 bis 157 USD, nachdem sie in den Tagen vor den Zahlen um rund 5 bis 7 Prozent zugelegt hat. Das Forward-KGV liegt auf Basis der FY2027-EPS-Schätzung von 8,05 USD bei etwa 19x — für ein Unternehmen mit 28 Prozent erwartetem Umsatzwachstum nicht überzogen, aber auch nicht günstig. Charttechnisch liegt der nächste Widerstand im Bereich 156 bis 159 USD; ein überzeugender Earnings-Print könnte diesen Bereich testen.
Was Anleger beachten sollten
Der zentrale Widerspruch dieser Earnings-Saison bei Oracle ist folgender: Die AI-Wachstumsstory ist real und durch den Backlog gut dokumentiert — aber sie wird mit Schulden von rund 95 Mrd. USD finanziert, in einem Zinsumfeld, in dem 10-jährige US-Treasuries zuletzt bei etwa 4,8 Prozent lagen. Als die Renditen im Vorfeld kurz anzogen, fiel die Aktie um rund 4 Prozent. Das zeigt, wie empfindlich die Bewertung auf Zinsveränderungen reagiert.
Konkret werden Anleger drei Dinge genau beobachten: erstens das OCI-Umsatzwachstum und ob der AI-Backlog weiter steigt; zweitens die Cloud-Margen, die laut Management Richtung 30 bis 40 Prozent skalieren sollen, bisher aber durch hohe Capex-Ausgaben belastet werden; drittens die Guidance für FY 2027 — jede Absenkung der 90-Mrd.-USD-Zielmarke würde den Kurs belasten, eine Bestätigung oder Anhebung dürfte den Breakout über 159 USD auslösen.
Ein EPS nahe dem alten Schätzwert von 1,40 USD wäre klar ein Miss — der Markt hat sich längst auf 1,72 bis 1,74 USD eingestellt. Die eigentliche Frage ist nicht, ob Oracle schlägt, sondern ob die Kapitalintensität der AI-Strategie langfristig mit den Margenzielen vereinbar ist.
