Stellen Sie sich vor, Sie kaufen auf einem Flohmarkt eine Uhr. Der Händler nebenan verlangt das Doppelte für ein fast identisches Modell. Beide laufen. Beide zeigen die richtige Zeit. Nur der Preis ist ein anderer. Genau diese Situation erlebe ich gerade im Technologiesektor — und sie verdient einen genauen Blick.
Was der Makro-Rahmen sagt
Deutschland liefert dieser Tage ein widersprüchliches Bild. Das BIP schrumpft leicht, minus 0,5 % auf Jahresbasis. Gleichzeitig ist die Industrieproduktion im Jahresvergleich um 25,6 % gestiegen — ein Wert, der mich ehrlich gesagt zweimal hinschauen lässt, weil er so weit aus dem üblichen Rahmen fällt. Die Inflation liegt bei 2,3 %, die Arbeitslosigkeit bei 3,4 %. Das ist kein Krisenbild, aber auch kein Wachstumsbild. Für Technologieunternehmen bedeutet das: Investitionsbereitschaft bei Industriekunden bleibt vorhanden, aber Konsumenten halten sich zurück. Wer also Halbleiter-Testsysteme oder Glasfaserlösungen an Industriekunden verkauft, steht besser da als wer auf Endverbraucher angewiesen ist.
Der Sektor schlägt den DAX — aber nicht ohne Schwankungen
Der Technologiesektor zeigt über vier Wochen ein durchschnittliches Momentum von 25,2 %. Der DAX verliert im gleichen Zeitraum 1,7 %. Das ergibt eine relative Stärke von knapp 26 Prozentpunkten zugunsten des Sektors. Auf 13 Wochen liegt der DAX bei plus 10,6 % — der Sektor liegt deutlich darüber.
Aber: Das Marktumfeld war in der letzten Woche alles andere als ruhig. Micron legte starke Quartalszahlen vor, Infineon, Aixtron und Siltronic zogen in Frankfurt kurz kräftig an — um bis zu 6,5 %. Dann drehte die Stimmung. Verluste in Tokio und Seoul drückten auch den DAX, und Marktbeobachter Thomas Altmann von QC Partners sprach von zurückkehrenden Bedenken rund um hohe KI-Bewertungen. Timo Emden nannte das Umfeld eine „lethargische Schaukelbörse”. Ich halte das für eine faire Beschreibung. Die Richtung stimmt, aber der Weg ist holprig.
Blue Chips: Advantest und Corning im Vergleich
Advantest (VANA) stellt Testsysteme für Halbleiter her — also die Maschinen, die prüfen, ob Chips korrekt funktionieren, bevor sie in Smartphones, Server oder Autos eingebaut werden. In vier Wochen legte die Aktie 36,9 % zu, in 13 Wochen 25,6 %. Das ist starkes Momentum in beide Richtungen.
Das KGV — also wie viele Jahre Gewinn man zum aktuellen Kurs bezahlt — liegt bei 63,4. Der Sektor-Median liegt bei 107,8. Advantest ist damit fast 40 % günstiger bewertet als der Durchschnitt seiner Peer-Gruppe. Das EV/EBITDA — ein Maß dafür, wie teuer ein Unternehmen im Verhältnis zu seinem operativen Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen ist — liegt bei 40,9 und damit exakt am Sektor-Median. Das passt zusammen: Das Unternehmen wächst, der Markt preist das ein, aber nicht übertrieben. Der EPS — der Gewinn je Aktie — liegt bei 2,79. Ohne Revisionsdaten kann ich keine Trendaussage machen, aber die Ausgangslage ist solide.
Corning (GLW) ist ein anderes Tier. Das Unternehmen stellt Spezialglas her — für Displays, Glasfaserkabel und optische Komponenten. In vier Wochen plus 23,6 %, in 13 Wochen plus 35,4 %. Ebenfalls starkes Momentum.
Das KGV liegt bei 107,8 — identisch mit dem Sektor-Median. Das EV/EBITDA liegt bei 45,5, leicht über dem Sektor-Median von 40,9. Corning ist also fair bis leicht teuer bewertet, gemessen an seinen Peers. Der EPS liegt bei 1,83. Auch hier fehlen Revisionsdaten, was eine vollständige Einordnung erschwert. Was ich sagen kann: Corning profitiert vom Glasfaser-Boom rund um KI-Rechenzentren — das ist ein echter struktureller Treiber, kein kurzfristiger Hype.
Der Vergleich der beiden: Advantest bietet mehr Momentum bei günstigerer KGV-Bewertung. Corning läuft ebenfalls gut, ist aber teurer. Wer zwischen beiden wählt, wählt zwischen Halbleiter-Test-Infrastruktur und Glasfaser-Infrastruktur — beides sind Profiteure des KI-Ausbaus, auf unterschiedlichen Ebenen der Wertschöpfungskette.
Nebenwerte: Hier ist Ehrlichkeit angebracht
Zwei Nebenwerte liegen in den Daten: HODL SPAC Europe AB und Clear Blue Technologies International.
HODL SPAC Europe hat in vier Wochen 41,7 % verloren, in 13 Wochen null Prozent. Die Marktkapitalisierung liegt bei null — das ist kein Druckfehler, sondern ein Hinweis darauf, dass hier kaum Handelsvolumen existiert. Das EV/EBITDA liegt bei 30,4, aber ohne KGV, ohne Umsatzdaten, ohne Sentiment. Ich kann daraus keine sinnvolle These ableiten. Das sage ich lieber direkt, als einen schwachen Datensatz schönzureden.
Clear Blue Technologies verliert in vier Wochen 45 %, in 13 Wochen 21,4 %. Das EV/EBITDA ist negativ bei minus 2,8 — das bedeutet, das Unternehmen erwirtschaftet kein positives EBITDA. Die Marktkapitalisierung liegt bei 1 Million Euro. Das ist kein Investitionsfall für informierte Privatanleger, die auf Substanz achten. Hier fehlt die Grundlage.
Sentiment-Signal: Keine Divergenz, aber ein Warnsignal aus dem Markt
Formale Divergenzsignale — also Titel mit positivem Momentum bei negativem Sentiment oder umgekehrt — gibt es diese Woche keine. Was ich aber aus dem Marktgeschehen herauslese: Long-Produkte auf US-Technologie und KI-Profiteure wie Micron und TSMC waren laut Deutsche Börse gefragt, während bei Indizes Short-Produkte zur Absicherung genutzt wurden. Das ist kein Widerspruch, sondern eine klare Botschaft: Professionelle Anleger setzen auf einzelne Gewinner im KI-Bereich, sichern aber gleichzeitig ihr Gesamtportfolio ab. Das halte ich für eine vernünftige Haltung in einem Umfeld, das zwischen Euphorie und Vorsicht pendelt.
Fazit: Selektiv bleiben, Bewertung nicht ignorieren
Der Technologiesektor läuft dem DAX davon — das ist die gute Nachricht. Die weniger gute: Ein Sektor-Median-KGV von 107,8 ist kein Schnäppchen. Wer hier investiert, zahlt für Wachstumserwartungen, nicht für heutige Gewinne. Das kann aufgehen, wenn KI-Investitionen weiter steigen. Es kann auch schmerzhaft werden, wenn die Erwartungen enttäuscht werden.
Meine Empfehlung: Behalten Sie Advantest auf der Watchlist — das günstigere KGV bei vergleichbarem Momentum ist ein konkreter Vorteil gegenüber dem Sektor-Schnitt. Corning ist ebenfalls interessant, aber teurer. Bei beiden gilt: Beobachten Sie die nächsten EPS-Revisionen — also ob Analysten ihre Gewinnschätzungen nach oben oder unten anpassen. Das ist die Variable, die in einem Umfeld mit KGV über 100 den Unterschied macht.
Die Uhr auf dem Flohmarkt kann ein Schnäppchen sein. Oder sie läuft falsch. Den Unterschied erkennt man erst, wenn man genauer hinschaut.
Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageberatung dar.
