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Marktbericht
4 min

Anglogold +38 % und Agnico +42 % in vier Wochen — aber D9A mit 4600 % lässt mich nicht einfach weiterscrollen

Anglogold Ashanti und Agnico Eagle legen in vier Wochen zwischen 38 und 42 Prozent zu — beide günstiger bewertet als der Sektor-Median. Dann taucht D9A mit 4600 % auf. Was davon ist Substanz, was Lärm?

Stellen Sie sich vor, Sie sortieren Steine nach Gewicht — und plötzlich liegt ein Objekt auf der Waage, das die Skala sprengt. Sie schauen zweimal hin, weil Sie nicht sicher sind, ob das Gerät noch funktioniert. Genau so fühlt sich dieser Branchen-Radar an. Zwei solide Goldproduzenten laufen stark. Und dann ist da D9A.

Was gerade wirtschaftlich passiert — und warum das für Grundstoffe zählt

Deutschland wächst, aber kaum: Das BIP legte zuletzt um 0,24 Prozent zu. Das klingt wenig, ist aber nach zwei schwachen Jahren ein stabiles Signal. Die Industrieproduktion stieg im Jahresvergleich um 25 Prozent — ein Wert, der auf den ersten Blick überrascht, aber vor allem den tiefen Einbruch des Vorjahres widerspiegelt. Die Inflation liegt bei 2,17 Prozent, also knapp über dem EZB-Ziel. Die Arbeitslosenquote bleibt mit 3,8 Prozent niedrig.

Für den Grundstoffsektor bedeutet das: Die Nachfrage aus der Industrie zieht an, ohne dass die Notenbank akut unter Druck steht, die Zinsen weiter zu erhöhen. Das ist ein freundliches Umfeld für Rohstoffe. Gleichzeitig sorgen geopolitische Unsicherheiten — Ölpreisschwankungen, Spannungen im Nahen Osten — dafür, dass Anleger Edelmetalle als sicheren Hafen suchen. Die Deutsche Börse berichtete von einer der stärksten Wochen für Gold und Silber seit Januar.

Sektorperformance: Was die Zahlen sagen

Der Grundstoffsektor zeigt ein durchschnittliches Momentum von 101,77 Prozent — und liegt damit 100,5 Prozentpunkte über dem DAX, der in vier Wochen 4,13 Prozent und in 13 Wochen 5,01 Prozent zulegte. Das ist eine außergewöhnlich hohe relative Stärke. Relative Stärke bedeutet: Der Sektor läuft nicht nur absolut gut, sondern deutlich besser als der Gesamtmarkt.

Ich sage das ohne Euphorie, weil ein Teil dieser Zahl durch extreme Ausreißer verzerrt wird. Wenn ein einzelner Titel mit 4600 Prozent im Vier-Wochen-Fenster im Schnitt auftaucht, zieht das den Durchschnitt massiv nach oben. Das Bild ist also nicht so einheitlich stark, wie die Zahl suggeriert.

Blue Chips: Anglogold Ashanti und Agnico Eagle

Anglogold Ashanti (HT3) ist einer der größten Goldproduzenten der Welt mit Minen auf mehreren Kontinenten. Der Kurs stieg in vier Wochen um 38,28 Prozent, in 13 Wochen um 19,59 Prozent. Das KGV — also wie viele Jahre Gewinn man rechnerisch für den Aktienkurs bezahlt — liegt bei 15,06. Der Sektor-Median liegt bei 17,63. Anglogold ist damit günstiger bewertet als der typische Sektor-Vertreter. Das EV/EBITDA — ein Bewertungsmaß, das den Unternehmenswert ins Verhältnis zum operativen Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen setzt — beträgt 8,47 gegenüber einem Sektor-Median von 9,66. Auch hier: günstiger als der Durchschnitt. Der Gewinn je Aktie liegt bei 6,44 Euro. EPS-Revisionsdaten fehlen leider, ich kann also nicht beurteilen, ob Analysten ihre Gewinnschätzungen zuletzt nach oben oder unten angepasst haben. Das ist eine Lücke, die ich offen benenne.

Agnico Eagle Mines (AE9) ist ein kanadischer Goldproduzent mit Fokus auf politisch stabile Regionen — Kanada, Finnland, Mexiko. Der Kurs legte in vier Wochen um 42,43 Prozent zu, in 13 Wochen um 18,82 Prozent. Das KGV liegt exakt auf dem Sektor-Median von 17,63 — Agnico ist also fair bewertet, weder günstig noch teuer. Das EV/EBITDA liegt ebenfalls exakt auf dem Median von 9,66. Der Gewinn je Aktie beträgt 10,09 Euro — deutlich höher als bei Anglogold, was die fast doppelt so hohe Marktkapitalisierung von 90,1 Milliarden Euro gegenüber 49,1 Milliarden Euro erklärt.

Beide Titel laufen stark, beide sind fair bis günstig bewertet. Der Unterschied: Anglogold bietet einen kleinen Bewertungsabschlag, Agnico eine höhere absolute Ertragskraft. Wer Sicherheit im Bewertungsrahmen sucht, findet bei Agnico einen klaren Anker. Wer den Abschlag zum Sektor bevorzugt, schaut auf Anglogold.

Nebenwerte: Hier muss ich ehrlich sein

D9A zeigt einen Vier-Wochen-ROC von 4600 Prozent. Das ist keine Tippfehler. Die Marktkapitalisierung liegt bei null — das bedeutet, das Unternehmen ist entweder so klein, dass keine verlässliche Zahl vorliegt, oder die Daten sind unvollständig. Das EV/EBITDA ist negativ (-1,78), was auf ein Unternehmen hindeutet, das operativ Verluste schreibt. Kein KGV, keine Umsatzdaten, kein Sentiment. Ich kann hier keine These aufstellen, die ich verantworten würde. Ein Kursanstieg von 4600 Prozent ohne Substanzdaten ist für mich kein Anlagesignal — es ist ein Warnsignal. Solche Bewegungen entstehen manchmal durch sehr dünne Handelsumsätze, bei denen wenige Transaktionen den Kurs extrem bewegen. Das ist kein Markt, in dem ich als Privatanleger agieren möchte.

Candelaria Mining (29LN) zeigt null Prozent Bewegung in vier und 13 Wochen. Das EV/EBITDA liegt bei 13,25 — rund 37 Prozent über dem Sektor-Median von 9,66. Auch hier: keine Umsatzdaten, keine Gewinnschätzungen, keine Sentimentdaten. Ein Unternehmen, das sich nicht bewegt und teurer bewertet ist als der Sektor, braucht einen klaren Katalysator, um interessant zu werden. Den sehe ich in den vorliegenden Daten nicht.

Sentiment-Signal

Es gibt in diesem Sektor aktuell keine klassischen Divergenz-Signale — also keine Titel, bei denen starkes Momentum auf schlechtes Sentiment trifft oder umgekehrt. Das ist an sich eine Information: Der Sektor läuft ohne innere Widersprüche. Was ich stattdessen beobachte, ist eine Divergenz zwischen den Blue Chips und den Nebenwerten. Die großen Namen liefern Substanz. Die kleinen Namen liefern Lärm. Das ist eine Struktur, die ich in Rohstoff-Rallyes öfter sehe: Wenn Gold steigt, steigen zuerst die Großen sauber, dann folgen spekulative Wetten auf kleine Explorer — oft ohne fundamentale Grundlage.

Fazit und was ich Ihnen empfehle

Der Goldsektor läuft, und die Makrolage stützt das. Anglogold und Agnico sind keine Überraschungen — sie sind solide Unternehmen, die von einem klaren Umfeld profitieren. Ich empfehle Ihnen, diese beiden Titel auf Ihre Beobachtungsliste zu setzen und dabei einen Wert im Blick zu behalten: den Goldpreis selbst. Solange Gold über der Marke von 2.400 US-Dollar je Unze notiert, haben beide Produzenten komfortable Margen. Fällt Gold, fallen die Aktien schneller als der Goldpreis — das ist die Hebelwirkung des Minengeschäfts, die in beide Richtungen gilt.

D9A lasse ich liegen. Die Waage, die 4600 Prozent anzeigt, messe ich nicht nach — ich gehe davon aus, dass sie defekt ist, bis das Gegenteil bewiesen ist.

Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageberatung dar.

Einschätzung
Redaktionelle Einordnung
der aktien.live-Redaktion
Team Sesselmann

Der Grundstoffsektor läuft mit einem durchschnittlichen Momentum von 101,77 deutlich besser als der DAX (+4,13 % in vier Wochen) — doch der Sektor ist gespalten: Substanz gibt es ausschließlich bei den Blue Chips. Anglogold und Agnico notieren mit KGVs von 15,06 bzw. 17,63 fair bis günstig, während das Makroumfeld — Industrieproduktion +25 % im Jahresvergleich, Inflation bei 2,17 % — die Goldnachfrage strukturell stützt. Wer die Sektorzahl von 100,5 relativer Stärke ungeprüft übernimmt, übersieht, dass ein illiquider Micro-Cap mit 4600 % Vier-Wochen-Performance die Statistik verzerrt.

Diese Einschätzung gibt die persönliche Meinung der Redaktion wieder und stellt keine Anlageberatung oder Kauf-/Verkaufsempfehlung dar.

Quellen & Fußnoten
  1. Deutsche Börse News: Aktienrally sorgt für hohe Umsätze – ETFs
  2. Deutsche Börse News: Erste Gold-Käufer kehren zurück
  3. Aktien Frankfurt: DAX auf Erholungskurs – Ölpreise sinken und SAP zieht an
  4. Hot Stocks KW 32 / 2026: Warum der Sektor Basic Materials aktuell stark performt
  5. Aktien Europa Schluss: Gewinne – Rohstoffsektor zieht an
  6. Deutsche Börse Live: Ölpreis fällt, DAX steigt – Wochenausblick

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