
Die Woche bringt eine ungewöhnliche Konstellation: Die EZB hielt am 29. Oktober die Zinsen stabil, kommunizierte aber so restriktiv wie selten. Gleichzeitig fielen die Renditen zehnjähriger Bundesanleihen von 3,48 % auf 3,42 % — also in die entgegengesetzte Richtung. Der Markt gewichtet offenbar das Wachstumsrisiko höherer Finanzierungskosten stärker als das Inflationsrisiko. Das ist kein Widerspruch, den man glätten sollte. Es ist die eigentliche Frage dieser Woche.
Makro der Woche im Überblick
- EZB-Pause mit Dezember-Signal: Lagarde bestätigte, dass eine Erhöhung diskutiert wurde. Der Rat entschied sich einstimmig für eine Pause — aber die Botschaft war eindeutig: Dezember ist offen, und die Energiepreise machen es nicht einfacher. Brent schloss die Vorwoche bei 109,86 USD (+4,91 % WoW).
- Anleiherenditen fallen trotz Straffungssignal: Bund 10Y −6 Basispunkte, US-Treasury 10Y sogar −17 Basispunkte auf 5,07 %. Der Rückgang bei Treasuries ist bemerkenswert, weil er trotz eines ISM-Preisindex von 77,9 und anhaltend hoher Inflationserwartungen erfolgte.
- Eurozonen-HICP bei 3,8 % YoY: Der Flash-Wert für Oktober wird am Mittwoch bestätigt oder revidiert — Konsens liegt bei 3,9 %. Kerninflation wird bei 2,5 % erwartet, unverändert gegenüber September. Das ist das Doppelte des EZB-Ziels bei der Gesamtrate, aber die Kerninflation zeigt zumindest keine weitere Beschleunigung.
Zahlen kompakt
- EZB-Einlagensatz: 2,50 % (Stand 29. Oktober 2026) — maßgeblicher Leitzins. Hauptrefinanzierungssatz 2,65 %, Spitzenrefinanzierungssatz 2,90 %.
- Eurozonen-HICP: 3,8 % YoY (September 2026). Flash Oktober: Konsens 3,9 %.
- Deutschland VPI (Oktober, vorläufig): 2,8 % YoY — deutlich unter dem Eurozonen-Schnitt, was die Divergenz innerhalb der Währungsunion zeigt.
- US-Treasury 10Y: 5,07 % (−17 bp WoW). Bund 10Y: 3,42 % (−6 bp WoW). Der Spread bleibt bei rund 165 Basispunkten — strukturell hoch.
- Arbeitsmarkt USA: Freitagabend kommen die Non-Farm Payrolls für Oktober. Konsens: 65.000 neue Stellen nach nur 29.000 im Vormonat. Arbeitslosenquote erwartet stabil bei 4,2 %.
Was bedeutet das für Anleger
Anleihen: Der Rückgang bei Bund- und Treasury-Renditen trotz restriktiver Zentralbankkommunikation ist ein Signal, das Anleger im Blick behalten sollten. Entweder preist der Markt eine Wachstumsverlangsamung ein, die die EZB noch nicht vollständig anerkannt hat — oder die Bewegung ist technisch und dreht sich nach starken US-Daten wieder um. Die Bubill-Auktionen am Montag (3 und 9 Monate) und die Bobl-Auktion am Dienstag (5 Jahre, Vorwert 3,22 %) geben erste Hinweise auf die Nachfrage am kurzen und mittleren Ende der deutschen Kurve.
Aktien: Der S&P 500 verlor in der Vorwoche 1,95 %, der Euro Stoxx 600 legte dagegen 2,09 % zu. Diese Divergenz ist ungewöhnlich und könnte sich bei schwachen US-Payrolls oder einem überraschend hohen HICP-Flash umkehren. Für europäische Industriewerte ist Brent bei knapp 110 USD ein zweischneidiges Schwert: Energieproduzenten profitieren, alle anderen sehen steigende Inputkosten.
Währungen: EUR/USD schloss bei 1,1239 (+0,35 % WoW). Ein hawkisher Goolsbee-Auftritt am Montag oder starke ISM-Daten könnten den Dollar stützen und den Euro wieder unter 1,12 drücken. Umgekehrt würde ein schwacher Payrolls-Freitag den Euro weiter stützen — zumal die EZB für Dezember eine Erhöhung andeutet, während die Fed eher abwartet.
Ausblick auf die Börsenwoche
Montag, 2. November: Deutsche Einzelhandelsumsätze (Konsens: −0,3 % MoM bzw. +0,4 % YoY), Bubill-Auktionen und eine Rede von Bundesbankpräsident Nagel. Am Nachmittag ISM Manufacturing PMI (Konsens 54,6 nach 54,5), ISM-Preise (Konsens 77,0 nach 77,9) und ISM-Beschäftigung (53,0 nach 52,7). Goolsbee spricht um 16:15 Uhr — sein Ton zur Inflationslage dürfte die Treasury-Renditen unmittelbar bewegen.
Dienstag, 3. November: US-Midterm Elections. JOLTs Job Openings (Konsens 7,13 Mio. nach 7,08 Mio.) und Factory Orders (+1,2 % nach +0,1 %). Zweite Nagel-Rede am Abend.
Mittwoch, 4. November: Der wichtigste Datentag der Woche. Eurostat veröffentlicht den HICP-Flash für Oktober (Konsens 3,9 % YoY). Gleichzeitig: ADP Employment Change (Konsens +65.000 nach +90.000), ISM Services PMI (54,8 nach 54,9), US-Handelsbilanz und das Treasury Refunding Announcement. ECB-Chefvolkswirt Lane spricht um 13:20 Uhr — seine Einschätzung zur Kerninflation ist für die Dezember-Erwartungen entscheidend. Dazu: 30-jährige und 15-jährige Bund-Auktionen.
Donnerstag, 5. November: Deutsche Fabrikaufträge (Konsens +4,0 % nach −10,6 % — ein technischer Rebound nach dem Einbruch). EU-PPI (Konsens +10,1 % YoY nach +8,2 %). Lagarde spricht um 15:00 Uhr, Lane erneut um 15:40 Uhr. US-Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe (Konsens 195.000) und Nonfarm Productivity (+2,5 % nach +1,4 %).
Freitag, 6. November: Non-Farm Payrolls (Konsens +65.000 nach +29.000), Arbeitslosenquote (4,2 % erwartet), Average Hourly Earnings (+0,3 % MoM). Michigan Consumer Sentiment (48,2 nach 48,0), Inflationserwartungen 1 Jahr bei 4,7 %. Mehrere Fed-Sprecher: Musalem, Bowman, Williams. Deutsche Industrieproduktion (+0,5 % nach +2,0 %) und EU-Einzelhandelsumsätze runden den Freitag ab.
der aktien.live-Redaktion
Die Diskrepanz zwischen EZB-Signal und Marktreaktion ist das eigentliche Thema dieser Woche. Während Lagarde eine Dezember-Erhöhung andeutet, fielen Bund-Renditen um 6 Basispunkte auf 3,42 % — der Markt preist also Wachstumsschwäche, nicht weiteren Inflationsdruck. Brent bei 109,86 USD macht diese Wette riskant: Steigende Energiepreise speisen direkt in den HICP, der im Oktober bereits bei 3,8 % lag. Der HICP-Flash am Mittwoch entscheidet, wer recht behält.
Diese Einschätzung gibt die persönliche Meinung der Redaktion wieder und stellt keine Anlageberatung oder Kauf-/Verkaufsempfehlung dar.
- ecb.europa.euEZB-Pressemitteilung: Zinsentscheidung 29. Oktober 2026(öffnet in neuem Tab)
- ReutersReuters: EZB hält Zinsen stabil, signalisiert steigende Inflationsrisiken(öffnet in neuem Tab)
- ec.europa.euEurostat: HICP Flash-Schätzung September 2026(öffnet in neuem Tab)
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- pnaa.pictet.comPictet: Weekly Views 26. Oktober 2026(öffnet in neuem Tab)