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Marktbericht
4 min

Grundstoffe im Aufwind: Wenn der Motor läuft, bevor der Rest des Zuges es merkt

Der Grundstoff-Sektor übertrifft den DAX in den letzten vier Wochen um mehr als 75 Prozentpunkte – ein Signal, das Anleger ernst nehmen sollten, auch wenn die Datenlage bei einzelnen Titeln Lücken hat.

Ein unerwarteter Frühstart

Stellen Sie sich vor, Sie öffnen morgens die Werkstatt und der Kompressor springt an, bevor Sie den Lichtschalter betätigt haben. Genau dieses Gefühl vermittelt der Grundstoff-Sektor gerade: Er läuft an, während der Rest des Marktes noch die Augen reibt. Das ist kein Zufall – und ich möchte Ihnen zeigen, was dahintersteckt.

Einordnung der Lage: Deutschland zwischen Kontraktion und Industriedynamik

Die deutschen Makrodaten erzählen dieser Tage eine Geschichte mit zwei Gesichtern. Das Bruttoinlandsprodukt – also die Gesamtleistung der deutschen Wirtschaft – schrumpft mit -0,50 Prozent leicht. Das klingt beunruhigend, ist es aber nur in der halben Betrachtung. Denn gleichzeitig zeigt die Industrieproduktion ein Plus von über 25 Prozent im Jahresvergleich. Das ist ein außergewöhnlicher Wert – und er erklärt direkt, warum Grundstoffe gerade gefragt sind. Wenn Fabriken wieder auf Hochtouren fahren, brauchen sie Chemikalien, Metalle und Rohmaterialien. Die Inflation liegt bei moderaten 2,26 Prozent, die Arbeitslosigkeit bei soliden 3,36 Prozent. Das Bild ist also kein Boom, aber auch kein Einbruch – es ist eine selektive Erholung, die genau in die Kerbe des Grundstoff-Sektors trifft.

Auf den Rohstoffmärkten spiegelt sich das wider: Kupfer und Nickel legen zu, Zinn verzeichnet das stärkste Plus unter den Industriemetallen, Gold notiert in Euro auf hohem Niveau. Erdgas steigt deutlich. Das alles passt zusammen: Industrielle Nachfrage zieht an, Rohstoffpreise folgen.

Sektorperformance: Eine Überperformance, die nachdenklich stimmt

Der Sektor Grundstoffe weist ein durchschnittliches Momentum von 77,59 Prozent auf – das Momentum misst hier, wie stark sich Titel in einem Zeitraum entwickelt haben, relativ zu ihrer eigenen Geschichte. Die relative Stärke gegenüber dem DAX beträgt 75,4 Prozentpunkte. Das bedeutet: Grundstoffe haben den deutschen Leitindex in den letzten Wochen massiv abgehängt. Der DAX selbst legte in vier Wochen 7,11 Prozent zu, liegt aber auf 13-Wochen-Sicht mit -1 Prozent noch im Minus. Der Sektor hat also nicht nur absolut zugelegt – er hat relativ zum Markt eine deutliche Outperformance geliefert. Für Sie als Anleger heißt das: Institutionelle Investoren rotieren offenbar aktiv in Grundstoffe hinein. Solche Rotationen halten selten nur eine Woche an.

Lokomotiven – Blue Chips: Shin-Etsu Chemical

Beide Blue Chips in dieser Analyse sind Varianten desselben Unternehmens: Shin-Etsu Chemical, ein japanischer Chemiekonzern, der zu den weltgrößten Herstellern von Siliziumwafern – also den Grundbausteinen für Halbleiter – und Polyvinylchlorid (PVC) gehört. Shin-Etsu ist damit ein klassischer Grundstoff-Titel mit Technologierelevanz.

Die Kursentwicklung ist beeindruckend: SEH legte in vier Wochen 14,49 Prozent zu, über 13 Wochen sogar 22,74 Prozent. SEH0 zeigt mit 10,67 Prozent (4 Wochen) und 21,40 Prozent (13 Wochen) ein ähnliches Bild – der leichte Unterschied erklärt sich durch unterschiedliche Handelssegmente oder Notierungsklassen.

Zur Bewertung: Das KGV – also das Kurs-Gewinn-Verhältnis, das angibt, wie viele Jahre Gewinn man rechnerisch für den Aktienkurs bezahlt – liegt bei SEH bei 28,03 und bei SEH0 bei 27,50. Beide bewegen sich exakt auf dem Sektor-Median von 28,03. Das bedeutet: Shin-Etsu ist weder teuer noch günstig im Vergleich zu Wettbewerbern – die Bewertung ist fair. Das EV/EBITDA – eine weitere Bewertungskennzahl, die den Unternehmenswert ins Verhältnis zum operativen Gewinn setzt – liegt bei 13,35 und trifft ebenfalls den Sektor-Median. Kein Abschlag, kein Aufschlag. Ein solides, marktgerecht bewertetes Unternehmen mit starker Kursdynamik.

Ein Hinweis zur Datenqualität: RSI, gleitende Durchschnitte und Sentimentdaten lagen für beide Titel nicht vor. Das bedeutet: Eine vollständige technische Analyse ist hier nicht möglich. Ich empfehle, diese Lücken vor einer Kaufentscheidung selbst zu schließen – über Ihren Broker oder ein Chartportal wie Tradingview.

Insider-Blick – Nebenwerte: Vorsicht ist hier die klügere Strategie

Ich sage Ihnen direkt, was ich sehe – und ich rede nichts schön.

VOLTAGE METALS CORP. (8L10) zeigt in vier Wochen null Prozent Bewegung und hat in 13 Wochen 60 Prozent seines Wertes verloren. Die Marktkapitalisierung – also der Gesamtwert aller Aktien – liegt bei null Millionen Euro, was auf ein Kleinstunternehmen mit nahezu keiner Börsenrelevanz hindeutet. Das EV/EBITDA von 2,92 liegt weit unter dem Sektor-Median von 13,35 – was auf den ersten Blick günstig wirkt. Aber: Ohne KGV, ohne Umsatzdaten, ohne Sentiment ist das kein Kaufargument, sondern ein Warnsignal. Eine derart tiefe Bewertung bei einem Titel mit schwerem Kursverlust kann ein Unternehmen in Schieflage signalisieren. Ich halte hier die Hände in der Tasche.

Portofino Resources Inc. (POTA) wiederum zeigt einen ROC – also eine Kursentwicklung – von 1.200 Prozent in vier und dreizehn Wochen. Das ist keine Analyse mehr, das ist eine Lotterie. Solche Sprünge entstehen bei Mikro-Titeln oft durch minimale Handelsvolumina und einzelne Kauf-Orders. Das EV/EBITDA von 40,05 liegt weit über dem Sektor-Median. Marktkapitalisierung: null. Ohne jeden weiteren Datenpunkt ist hier keine seriöse These möglich. Wer bei solchen Titeln einsteigt, spekuliert – er investiert nicht.

Sentiment-Signal: Keine Divergenz – kein Widerspruch

Diese Woche gibt es keine Titel mit positivem Momentum bei negativem Sentiment oder umgekehrt. Das klingt unspektakulär, ist aber eine Information: Der Markt sendet hier keine versteckten Gegensignale. Was sich gut entwickelt, wird auch positiv wahrgenommen – und das macht das Bild für Grundstoffe konsistenter als in vielen anderen Phasen.

Fazit & Empfehlung

Der Grundstoff-Sektor läuft – und das aus guten Gründen. Die industrielle Erholung in Deutschland, steigende Rohstoffpreise und eine klare Überperformance gegenüber dem Gesamtmarkt ergeben ein kohärentes Bild. Shin-Etsu Chemical ist der überzeugendste Name in dieser Analyse: fair bewertet, mit starkem Momentum und einem Geschäftsmodell, das von Halbleiter-Nachfrage und PVC-Bedarf gleichermaßen profitiert. Bei den Nebenwerten empfehle ich klaren Abstand – die Datenlage erlaubt keine fundierte These.

Meine konkrete Empfehlung: Behalten Sie Shin-Etsu auf Ihrer Beobachtungsliste und ergänzen Sie die fehlenden technischen Daten über Ihr Chartportal. Die Variable, die ich zum Monitoring empfehle: die Industrieproduktion Deutschland im nächsten Monatsbericht. Bleibt sie stark, bleibt der Rückenwind für Grundstoffe erhalten. Der Kompressor läuft – jetzt kommt es darauf an, ob der Rest der Werkstatt mitzieht.

Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageberatung dar.

Hausmeinung
Redaktionelle Einordnung
der aktien.live-Redaktion
Norbert Sesselmann

Shin-Etsu Chemical ist der überzeugendste Grundstoff-Titel dieser Analyse: 22,74 Prozent Kursgewinn in 13 Wochen, ein KGV von 27,50 auf Höhe des Sektor-Medians und ein Geschäftsmodell, das direkt von der industriellen Erholung in Deutschland und der globalen Halbleiter-Nachfrage profitiert. Die fehlenden Technikalien – RSI und gleitende Durchschnitte – sind eine Datenlücke, kein Fundamentalproblem. Wir stufen Shin-Etsu auf Beobachten mit Kaufneigung – solange die deutsche Industrieproduktion über Vorjahresniveau bleibt.

Quellen & Fußnoten
  1. Deutsche Börse – Rohstoffkurse live
  2. Finanznachrichten.de – Rohstoffe Übersicht
  3. Finanznachrichten.de – Aktienkurse Branche Rohstoffe
  4. Finanznachrichten.de – Branche Rohstoffe
  5. Finanznachrichten.de – Nachrichten Übersicht
  6. Finanzen100 – Marktdaten und Edelmetalle
  7. Finanzen.net – News
  8. n-tv – Wirtschaft

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