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Marktbericht
5 min

Grundstoffe unter Strom: Warum der Sektor den DAX abhängt – und wo ich genau hinschaue

Der Grundstoffsektor outperformt den DAX um rund 94 Prozentpunkte – und ArcelorMittal steht dabei mit einem KGV von 14,8 bei einem Sektor-Median von 37,5 auffällig günstig im Rampenlicht.

Stellen Sie sich einen alten Transformator vor, der still in einer Ecke steht, während alle anderen Geräte im Raum flackern. Er brummt gleichmäßig, liefert zuverlässig Energie – und fällt erst dann auf, wenn man genauer hinsieht. Genau so wirkt der Grundstoffsektor gerade: unspektakulär auf den ersten Blick, aber mit einer inneren Spannung, die Aufmerksamkeit verdient.

Was gerade in Deutschland wirtschaftlich passiert

Die Makrodaten für Deutschland sind gemischt – und ich sage das ohne Beschönigung. Das Bruttoinlandsprodukt schrumpft leicht: minus 0,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das bedeutet, die Gesamtwirtschaftsleistung geht zurück. Gleichzeitig zeigt die Industrieproduktion ein Plus von über 25 Prozent im Jahresvergleich – ein scheinbarer Widerspruch, der sich aber erklären lässt: Einzelne Industriezweige laufen auf Hochtouren, während andere Teile der Wirtschaft bremsen. Die Inflation liegt bei 2,3 Prozent – das ist moderat, aber spürbar. Die Arbeitslosigkeit ist mit 3,4 Prozent niedrig.

Für den Grundstoffsektor ist das Umfeld ambivalent. Steigende Industrieproduktion bedeutet Nachfrage nach Stahl, Kupfer, Aluminium. Gleichzeitig belasten geopolitische Spannungen rund um den Iran und die Straße von Hormus die Lieferketten – besonders für Energieträger, die wiederum Dünger- und Chemieproduzenten unter Druck setzen. Ich sehe hier ein Bild, das Chancen und Risiken gleichzeitig trägt.

Sektorperformance: Der Grundstoffsektor läuft dem DAX davon

Das durchschnittliche Momentum im Sektor liegt bei 94,26 Prozent – das ist die mittlere Kursstärke der beobachteten Titel im Analysezeitraum. Die relative Stärke gegenüber dem DAX beträgt rund 94 Prozentpunkte. Das heißt konkret: Während der DAX in den letzten 13 Wochen rund 6,3 Prozent verloren hat und kurzfristig nur um 0,69 Prozent gestiegen ist, zeigt der Grundstoffsektor deutlich robusteres Verhalten.

Das ist bemerkenswert. Normalerweise gilt: Wenn die Gesamtwirtschaft schwächelt, leiden auch die Grundstoffproduzenten als frühe Glieder in der Lieferkette. Dass der Sektor dennoch outperformt – also besser abschneidet als der Markt –, deutet auf strukturelle Nachfrage hin, die sich gegen den Gegenwind behauptet. Ich halte das für ein belastbares Signal, auch wenn es kein Freifahrtschein ist.

Lokomotiven: Die zwei Blue Chips im Vergleich

ArcelorMittal (ARRJ) – Günstig bewertet, positives Momentum

ArcelorMittal ist einer der größten Stahlproduzenten der Welt – ein Unternehmen, das Erz in Stahl verwandelt und damit von Autos bis Brücken alles mitversorgt. Der Kurs hat in den letzten vier Wochen um 4,7 Prozent zugelegt, über 13 Wochen um 4,18 Prozent. Das ist solides, stetiges Momentum.

Beim KGV – also dem Kurs-Gewinn-Verhältnis, das angibt, wie viele Jahre Unternehmensgewinn man für den aktuellen Aktienkurs bezahlt – liegt ArcelorMittal bei 14,8. Der Sektor-Median liegt bei 37,5. Das bedeutet: ArcelorMittal ist im Sektorvergleich deutlich günstiger bewertet. Ähnliches Bild beim EV/EBITDA – das ist eine weitere Bewertungskennzahl, die den Unternehmenswert ins Verhältnis zum operativen Gewinn setzt. ArcelorMittal liegt hier bei 6,8, der Sektor-Median bei 9,0. Auch das spricht für eine moderate Bewertung. Der Gewinn je Aktie liegt aktuell bei 3,45 Euro. Trends zu EPS-Revisionen – also ob Analysten ihre Gewinnschätzungen nach oben oder unten anpassen – liegen mir nicht vor, was ich als Einschränkung offen benenne. Trotzdem: Die Kombination aus positivem Momentum und Unterbewertung gegenüber dem Sektor macht ArcelorMittal für mich zum überzeugendsten Titel in dieser Analyse.

Antofagasta plc (FG1) – Kupfer-Spezialist zum fairen Preis

Antofagasta ist ein chilenischer Kupferproduzent, der an der Frankfurter Börse gehandelt wird. Kupfer ist der Rohstoff der Energiewende – ohne ihn kein Elektrokabel, kein Windrad, keine Wärmepumpe. Das strukturelle Argument ist stark.

Allerdings: Der Kurs hat in den letzten vier Wochen 3,3 Prozent verloren, über 13 Wochen ist er mit minus 0,19 Prozent nahezu unverändert. Das KGV liegt exakt beim Sektor-Median von 37,5 – fair bewertet, aber ohne Bewertungsrabatt. Das EV/EBITDA entspricht mit 9,0 ebenfalls dem Sektordurchschnitt. Antofagasta ist kein schlechtes Unternehmen, aber ich sehe hier aktuell keinen klaren Einstiegsvorteil gegenüber ArcelorMittal.

Insider-Blick: Die Nebenwerte – Vorsicht ist angebracht

Ich bin in diesem Abschnitt ungewohnt direkt: Die Datenlage bei beiden Nebenwerten lässt keine seriöse Analyse zu.

Y5E zeigt ein spektakuläres Momentum – plus 61,5 Prozent in vier Wochen, plus 75 Prozent in 13 Wochen. Das klingt verlockend. Aber: Die Marktkapitalisierung wird mit null angegeben, KGV und Umsatzdaten fehlen vollständig, das EV/EBITDA ist negativ (minus 0,5) – was bedeutet, dass das Unternehmen operativ Verluste macht oder die Datenbasis schlicht unvollständig ist. Ich rate Ihnen, bei solchen Titeln äußerste Zurückhaltung zu üben. Starkes Momentum bei kleinen Titeln ohne Fundamentaldaten kann auf Spekulation hindeuten – oder auf Datenlücken. Beides ist kein gutes Fundament für eine Anlageentscheidung.

Forty Pillars Mining Corp. (69D) hat eine Marktkapitalisierung von einer Million Euro. Das ist ein Micro-Cap – ein sehr kleines Unternehmen, bei dem Liquidität, also die Handelbarkeit der Aktie, ein echtes Problem sein kann. Keine KGV-Daten, kein EV/EBITDA, kein Umsatzwachstum. Ich sage klar: Diese Position eignet sich nicht für informierte Privatanleger, die auf belastbarer Grundlage handeln wollen.

Sentiment-Signal: Keine Divergenzen – was das bedeutet

Es gibt aktuell keine Titel im Sektor, bei denen positives Momentum auf negatives Anleger-Sentiment trifft oder umgekehrt. Solche Divergenzen – also Widersprüche zwischen Kursentwicklung und Stimmung – sind oft die interessantesten Signale für antizyklische Anleger. Ihr Fehlen bedeutet hier: Der Markt ist im Grundstoffsektor gerade vergleichsweise kohärent. Es gibt keine offensichtliche Fehlbewertung durch Stimmungsverzerrung. Das ist kein schlechtes Zeichen – es macht die Situation aber auch weniger dramatisch als das Momentum-Signal vermuten ließe.

Fazit und Empfehlung

Der Grundstoffsektor läuft in einem schwierigen Umfeld besser als der breite Markt – das ist eine Tatsache, die ich respektiere. Die geopolitischen Spannungen rund um den Iran und die Straße von Hormus bleiben ein Risikofaktor, den ich im Auge behalten würde. Steigende Energiepreise belasten Chemieproduzenten, können aber gleichzeitig Rohstoffproduzenten wie Stahlerzeuger indirekt stützen.

Meine konkrete Empfehlung: Wenn Sie im Grundstoffsektor positioniert sein wollen, ist ArcelorMittal der Titel mit dem günstigsten Bewertungsprofil und positivem Kurstrend. Beobachten Sie als wichtige Variable den Kupferpreis – er bewegt Antofagasta direkt und gibt ein frühes Signal für die Nachfrage aus der Energiewende. Wenn Kupfer anzieht, verbessert sich das Bild für Antofagasta spürbar.

Unser Transformator in der Ecke läuft weiter – ruhig, verlässlich, ohne großes Aufsehen. Manchmal ist das die stabilste Grundlage für eine überlegte Entscheidung.

Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageberatung dar.

Quellen & Fußnoten
  1. Frankfurter Börse – Rohstoffe live
  2. Finanznachrichten – Rohstoffe Übersicht
  3. Finanznachrichten – Nachrichten Übersicht
  4. Finanznachrichten – Fuchs SE
  5. onvista – Aktuelle News
  6. finanzen100
  7. finanzen.net – Unternehmen

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