Stellen Sie sich vor, Sie schrauben an einem alten Uhrwerk. Von außen tickt die Uhr unruhig – mal schneller, mal langsamer. Aber wenn Sie das Gehäuse öffnen, sehen Sie: Die großen Zahnräder drehen sich ruhig und gleichmäßig weiter, unbeeindruckt vom Zittern der äußeren Zeiger. Genau das beobachte ich gerade im Grundstoffsektor. Während der DAX auf Sicht von drei Monaten ins Minus gerutscht ist, laufen die Kerntitel des Sektors ihren eigenen Takt.
Was gerade in Deutschland passiert – und warum das für Grundstoffe zählt
Der makroökonomische Rahmen ist gespalten. Das deutsche BIP schrumpft leicht: minus 0,5 Prozent im Jahresvergleich. Das klingt nach Schwäche – und das ist es auch. Gleichzeitig zeigt die Industrieproduktion ein Plus von über 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Diese Zahl überrascht, und ich sage das bewusst ohne Euphorie: Hier wirken Basiseffekte und aufgeholte Auftragsrückstände. Die Inflation liegt bei gut 2,3 Prozent – moderat, nicht alarmierend. Die Arbeitslosigkeit bei 3,4 Prozent – niedrig, stabil.
Für den Grundstoffsektor bedeutet das: Industrielle Nachfrage nach Metallen, Chemikalien und Rohstoffen bleibt strukturell vorhanden, auch wenn das Gesamtwachstum der Volkswirtschaft schwächelt. Wenn Fabriken produzieren, brauchen sie Material. Das ist die kausale Logik, die ich hier sehe.
Sektorperformance: Ein klares Signal mit einem Vorbehalt
Das durchschnittliche Momentum im Sektor liegt bei 80,4 Prozent – das bedeutet, dass die meisten Titel im Sektor aktuell stärker notieren als vor einigen Monaten. Die relative Stärke gegenüber dem DAX beträgt knapp 79 Prozentpunkte – das ist erheblich. Der DAX selbst hat in den letzten vier Wochen 5,1 Prozent zugelegt, über 13 Wochen aber 2,4 Prozent verloren. Der Grundstoffsektor hat diese Delle also deutlich besser weggesteckt als der Gesamtmarkt.
Ich nenne das einen konstruktiven Befund – aber keinen Freifahrtschein. Relative Stärke bedeutet: Der Sektor hat sich besser gehalten. Es bedeutet nicht, dass jeder Einzeltitel risikolos ist. Schauen wir genauer hin.
Die Lokomotiven: Blue Chips im Vergleich
China Molybdenum Co. Ltd (D7N) – Das Unternehmen fördert und verarbeitet Molybdän, Kobalt und Kupfer, also Metalle, die in Batterien, Stahl und Elektromotoren stecken. Das KGV – also wie viele Jahre Gewinn man rechnerisch für den aktuellen Kurs bezahlt – liegt bei 17,4. Der Sektor-Median liegt bei 26,3. Das ist eine spürbare Unterbewertung gegenüber den Peers. Auch das EV/EBITDA – eine Kennzahl, die den Unternehmenswert ins Verhältnis zum operativen Ertrag setzt – liegt mit 10,7 unter dem Sektorschnitt von 12,4. Die Bewertung ist günstig. Der Wermutstropfen: Über 13 Wochen hat der Kurs knapp 15 Prozent verloren. Das zeigt, dass der Markt noch nicht überzeugt ist – oder auf einen Katalysator wartet. Kurzfristig gab es eine Erholung von 2,4 Prozent in vier Wochen. Ich sehe hier eine günstig bewertete Substanzaktie mit offenem Timing.
Shin-Etsu Chemical Co. Ltd (SEH) – Shin-Etsu ist Weltmarktführer bei Siliziumwafern und PVC-Chemikalien – also unverzichtbar für Halbleiter und Bauchemie. Das KGV liegt exakt beim Sektor-Median von 26,3, das EV/EBITDA ebenfalls präzise beim Median von 12,4. Diese Titel ist fair bewertet – weder teuer noch billig. Was mich hier aufmerken lässt: Das 13-Wochen-Momentum von plus 23 Prozent ist stark. Der Markt preist hier Wachstumserwartungen ein. Mit einem EPS – also Gewinn je Aktie – von 1,38 Euro hat Shin-Etsu eine solide Ertragsbasis. Ich sehe diesen Titel als stabile Kernposition mit Qualitätscharakter, die allerdings kaum Bewertungspuffer bietet.
Der Insider-Blick: Nebenwerte – Ehrlichkeit vor Schönfärberei
Zwei Nebenwerte stehen heute auf dem Radar. Ich sage Ihnen direkt, was ich sehe – und was ich nicht sehe.
Candelaria Mining Corp (29LN) hat in 13 Wochen 25 Prozent zugelegt, in den letzten vier Wochen aber keinen Zentimeter bewegt. Die Marktkapitalisierung liegt bei lediglich einer Million Euro – das ist kein Nebenwert, das ist ein Mikrokapitaltitel. Das EV/EBITDA liegt mit 17,0 über dem Sektorschnitt. Dazu fehlen Kurs, RSI und alle Sentimentdaten. Ich kann hier keine belastbare These aufbauen. Wer auf diesen Titel setzt, bewegt sich im spekulativen Bereich ohne ausreichende Datenbasis. Das ist kein Urteil über das Unternehmen – sondern über die Informationslage.
Dixie Gold Inc (2YCA) ist noch eindeutiger: minus 53 Prozent in vier Wochen, minus 52 Prozent über 13 Wochen, ein negatives EV/EBITDA von minus 2,6 – das heißt, das Unternehmen erwirtschaftet keinen positiven operativen Ertrag – und eine Marktkapitalisierung nahe null. Ich empfehle, diesen Titel in keiner Betrachtung als Investitionsoption zu führen. Hier ist nichts zu analysieren, nur zu meiden.
Sentiment-Signal: Wenn keine Divergenz ein Signal ist
Es gibt aktuell keine Titel im Sektor, bei denen positives Momentum auf negatives Sentiment trifft – oder umgekehrt. Solche Divergenzen sind oft die interessantesten Signale, weil sie auf Fehlbewertungen hindeuten können. Ihr Fehlen bedeutet zweierlei: Die Lage ist konsistent – und es gibt gerade keinen klassischen Kontraindikator, dem ich folgen würde. Das ist kein schlechtes Zeichen. Es bedeutet: Der Sektor bewegt sich gerade ohne große Widersprüche.
Fazit: Ruhig drehen, nicht hetzen
Der Grundstoffsektor läuft derzeit wie das Innenleben eines gut gewarteten Uhrwerks – gleichmäßig, mit Substanz, ohne Spektakel. China Molybdenum bietet eine interessante Bewertungsgelegenheit für geduldige Anleger, Shin-Etsu ist Qualität zum fairen Preis. Die Nebenwerte dieser Woche taugen nicht als Einstiegspunkte.
Meine Empfehlung: Beobachten Sie China Molybdenum auf eine Stabilisierung des 13-Wochen-Momentum – also ob der kurzfristige Aufwärtstrend sich fortsetzt. Das wäre für mich das Signal, dass der Markt die günstige Bewertung zu honorieren beginnt. Bis dahin: beobachten, nicht überstürzen. Die Zahnräder drehen sich bereits – warten Sie, bis auch der äußere Zeiger mitläuft.
Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageberatung dar.
