Stellen Sie sich vor, Sie schrauben an einem alten Getriebe. Ein Zahnrad dreht sich schnell, das andere langsam — aber beide treiben dieselbe Welle an. Welches ist das wichtigere? Das kommt darauf an, was Sie von der Maschine verlangen. Im Industriesektor stellt sich gerade eine ähnliche Frage: Wer liefert mehr — der günstige Läufer oder der teure Platzhirsch?
Was gerade in Deutschland passiert
Die Zahl, die mich diese Woche am meisten beschäftigt, kommt nicht aus einem Unternehmensreport. Der Einkaufsmanagerindex für die deutsche Industrie stieg im August auf 54,1 Punkte — das ist der höchste Wert seit vier Jahren. Ein Wert über 50 signalisiert Wachstum, alles darüber ist ein deutliches Lebenszeichen. Gleichzeitig liegt die Industrieproduktion im Jahresvergleich bei +25,2 %, die Inflation bei 2,2 % und die Arbeitslosigkeit bei 3,8 %. Das ist kein Boom, aber es ist eine solide Basis.
Für den Industriesektor bedeutet das: Die Auftragslage verbessert sich, die Kapazitäten werden stärker ausgelastet, und Unternehmen wie Siemens oder Rheinmetall profitieren direkt davon. Das BIP-Wachstum von 0,24 % ist bescheiden, aber die Industriedaten erzählen eine etwas bessere Geschichte als die Gesamtwirtschaft.
Sektorperformance: 47 Prozentpunkte vor dem DAX
Der Industriesektor zeigt eine durchschnittliche Momentum-Kennzahl — also die Kursbewegung über verschiedene Zeiträume — von 47,95 %. Gegenüber dem DAX, der in vier Wochen 3,67 % und in 13 Wochen 5,84 % zulegte, liegt die relative Stärke des Sektors bei 46,82 Prozentpunkten. Das ist ein erheblicher Vorsprung. Ich sage das nicht, um Euphorie zu wecken, sondern weil es zeigt: Wer in diesem Sektor investiert ist, hat in den letzten Monaten deutlich mehr mitgenommen als der breite Markt.
Ob das so bleibt, hängt davon ab, ob die Konjunkturdaten halten. Der Einkaufsmanagerindex ist ein Frühindikator — er zeigt, was Einkäufer für die nächsten Monate erwarten. Wenn die Erwartungen nicht erfüllt werden, kann sich das Bild schnell drehen.
Blue Chips: ITOCHU und Siemens im Vergleich
ITOCHU ist ein japanischer Handelskonzern — ein sogenannter „Sogo Shosha”, der Rohstoffe, Industriegüter, Lebensmittel und Finanzdienstleistungen weltweit handelt und investiert. Das Unternehmen ist mit 80,7 Milliarden Euro Marktkapitalisierung kein Leichtgewicht.
Das KGV — also wie viele Jahre Gewinn man für den aktuellen Aktienkurs bezahlt — liegt bei ITOCHU bei 16,7. Der Sektor-Median liegt bei 28,6. Das bedeutet: ITOCHU ist rund 42 % günstiger bewertet als der typische Industriewert. Das EV/EBITDA — ein Maß dafür, wie teuer ein Unternehmen im Verhältnis zu seinem operativen Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen ist — liegt exakt auf dem Sektor-Median von 10,7. Günstig beim KGV, neutral beim EV/EBITDA. Das ist kein Widerspruch, sondern ein Hinweis: ITOCHU hat möglicherweise eine andere Kapitalstruktur oder höhere Abschreibungen als der Sektor-Durchschnitt.
Der ROC — also die Kursveränderung über einen bestimmten Zeitraum — beträgt bei ITOCHU +4,4 % in vier Wochen und +14,5 % in 13 Wochen. Das ist solide, aber nicht spektakulär. EPS, also der Gewinn je Aktie, liegt bei 0,69 Euro. Revisionen und Sentiment fehlen in den Daten, was eine vollständige Einschätzung erschwert.
Siemens kennen die meisten: Automatisierungstechnik, Energieinfrastruktur, Digitalisierung von Industrie und Gebäuden. Mit 224 Milliarden Euro Marktkapitalisierung ist Siemens der klare Schwergewichtsläufer im deutschen Industriesektor. Das KGV liegt exakt auf dem Sektor-Median von 28,6 — also weder günstig noch teuer, sondern fair bewertet. Das EV/EBITDA liegt mit 14,7 dagegen rund 37 % über dem Sektor-Median von 10,7. Siemens kostet also beim operativen Gewinn deutlich mehr als der Durchschnitt. Das EPS liegt bei 10,02 Euro — ein starker Wert, der die Qualität des Unternehmens unterstreicht.
Die UBS hat das Kursziel für Siemens zuletzt bei 330 Euro bestätigt und das Rating auf „Buy” belassen. Das ist eine externe Einschätzung, die ich hier nur zur Information nenne — keine eigene Empfehlung. Der ROC von Siemens liegt bei +1,6 % in vier Wochen und +6,9 % in 13 Wochen. Siemens läuft also langsamer als ITOCHU, ist aber teurer bewertet. Das ist der Widerspruch, den ich nicht glätten möchte: Wer mehr bezahlt, bekommt hier weniger Kursbewegung — zumindest in den letzten drei Monaten.
Nebenwerte: Wenn die Datenlage nicht trägt
Zwei Nebenwerte tauchen in den Daten auf — Regenera Insights und Greiffenberger. Ich sage Ihnen direkt, was ich sehe, und was ich nicht sehe.
Regenera Insights hat in 13 Wochen +300 % zugelegt, in vier Wochen aber 0 %. Das EV/EBITDA liegt bei 0,6 — gegenüber dem Sektor-Median von 10,7 ist das extrem niedrig. Die Marktkapitalisierung wird mit 0 ausgewiesen, was auf ein Micro-Cap oder eine Datenlücke hindeutet. KGV, Umsatzwachstum, Sentiment — alles fehlt. Ich kann hier keine belastbare These aufstellen. Ein Kursanstieg von 300 % ohne begleitende Fundamentaldaten ist ein Signal zur Vorsicht, nicht zur Begeisterung.
Greiffenberger zeigt -43,75 % in vier Wochen und -60,87 % in 13 Wochen. Das EV/EBITDA liegt bei 3,3 — günstig, aber günstig kann auch bedeuten, dass der Markt ein Problem einpreist, das ich ohne weitere Daten nicht beurteilen kann. Auch hier: Marktkapitalisierung null, keine Gewinnkennzahlen, kein Sentiment. Ich empfehle, diese beiden Werte vorerst nur zu beobachten — nicht zu handeln.
Sentiment: Keine Divergenzen, aber auch keine Klarheit
Für diesen Analysezeitraum gibt es keine Titel mit positivem Momentum bei negativem Sentiment oder umgekehrt. Das klingt beruhigend, ist aber vor allem ein Hinweis auf fehlende Sentiment-Daten. Ich kann Ihnen deshalb keine Divergenz-Signale liefern, die über die Kursbewegungen hinausgehen. Was ich sagen kann: Der Gesamtmarkt reagiert positiv auf die Konjunkturdaten, und das spiegelt sich in der Sektorperformance wider.
Fazit: Günstig ist nicht immer besser — aber es lohnt sich hinzuschauen
ITOCHU ist günstiger bewertet und läuft schneller. Siemens ist teurer, aber stabiler und mit klarer Analystenunterstützung. Wer auf Qualität und Planbarkeit setzt, findet bei Siemens eine solide Basis — solange das EV/EBITDA von 14,7 durch entsprechende Margen gerechtfertigt bleibt. Wer auf Bewertungspotenzial schaut, findet bei ITOCHU ein KGV, das 42 % unter dem Sektor-Median liegt.
Ich empfehle Ihnen, in den nächsten Wochen einen Blick auf die Auftragseingänge bei Siemens zu werfen — das ist die Variable, die mir am wichtigsten erscheint. Wenn der Einkaufsmanagerindex bei 54,1 bleibt und die Auftragsbücher füllen sich, hat Siemens Spielraum nach oben. Wenn die Zahlen enttäuschen, wird das EV/EBITDA von 14,7 schwer zu rechtfertigen sein.
Das Getriebe läuft gerade rund. Welches Zahnrad Sie bevorzugen, hängt davon ab, wie viel Spielraum Sie bei der Bewertung akzeptieren — und wie lange Sie bereit sind zu warten.
Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageberatung dar.
