Broadcom berichtet heute nach US-Börsenschluss seine Zahlen für das dritte Quartal des Geschäftsjahres 2026. Das Unternehmen ist längst kein klassischer Halbleiterwert mehr, sondern ein Vehikel für eine sehr spezifische Wette: dass der Hunger der Hyperscaler nach Custom AI-Chips und High-Speed-Networking noch jahrelang anhält.
Analystenerwartungen
Der Konsens liegt je nach Datenquelle zwischen 3,16 und 3,30 USD Non-GAAP EPS, mit einem Schwerpunkt um 3,22 USD. Beim Umsatz rechnen Analysten mit 29,2 bis 29,9 Mrd. USD, was einem Wachstum von rund 35 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal entspräche. Zum Vergleich: Im zweiten Quartal lag der Umsatz bei etwa 22,2 Mrd. USD, ein Plus von knapp 48 Prozent YoY, und das EPS von 2,44 USD übertraf den damaligen Konsens leicht. Die Latte liegt also höher, und der Markt hat das bereits eingepreist.
Die operative Non-GAAP-Marge wird vom Konsens bei rund 67 Prozent erwartet. Das ist kein Selbstläufer: Ein Mix-Shift hin zu hochmargigen AI-Networking-Produkten ist die Voraussetzung, damit diese Zahl hält. Jede negative Überraschung hier dürfte bei einem KGV von über 60 überproportional abgestraft werden.
Bewertungskontext
Broadcom kommt mit einer Marktkapitalisierung von rund 1,76 Bio. EUR in diesen Berichtstag. Das KGV auf Basis der Trailing-Earnings liegt bei etwa 61. Für dieses Niveau braucht es nicht nur gute Quartalszahlen, sondern eine Bestätigung des mehrjährigen Wachstumspfads: Broadcom hat kommuniziert, den AI-Halbleiterumsatz 2026 auf rund 56 Mrd. USD zu steigern und 2027 die 100-Mrd.-Marke anzupeilen. Wer das glaubt, findet das KGV vertretbar. Wer zweifelt, findet kaum Sicherheitsmarge.
Der Sell-Side-Konsens ist klar bullish: 36 Strong-Buy-Ratings, 7 Buy, 3 Hold, praktisch keine Verkaufsempfehlungen. BMO Capital Markets hat die Aktie zuletzt mit „Outperform” und einem Kursziel von rund 455 USD neu aufgenommen.
Was Anleger beachten sollten
Drei Themen dürften den Kurs heute Abend stärker bewegen als die EPS-Zahl selbst.
Erstens die AI-Guidance. Broadcom hat in den vergangenen Quartalen mit aggressiven Wachstumsprognosen für Custom ASICs und Networking-Chips gepunktet. Jede Relativierung dieser Projektion — auch eine nur leicht konservativere Formulierung — wird der Markt sofort einpreisen.
Zweitens die Google-Frage. Mitte August fiel die Aktie um 4,6 Prozent, nachdem Marvell eine Partnerschaft mit Google für Custom AI-Chips bekanntgab. Die Sorge: Broadcom könnte Teile des Google-AI-Silicon-Geschäfts verlieren. JPMorgan hält diese Befürchtung für übertrieben, aber der Markt wird im Earnings Call sehr genau auf Kommentare zu Design-Wins und Kundenbindung achten.
Drittens das Kreditrisiko-Narrativ. Die Bank of America hat Broadcom im August herabgestuft und vor rund 370 Mrd. USD an AI-infrastrukturbezogenen Schulden im System gewarnt — die Aktie verlor daraufhin knapp 6 Prozent. Ob das Management diese Sorgen adressiert und wie überzeugend es das tut, ist eine offene Frage.
Broadcom ist ein Unternehmen, das fundamental stark ist und gleichzeitig zu einer Bewertung gehandelt wird, die keinen Spielraum für Enttäuschungen lässt. Das macht den heutigen Abend interessant — aber nicht unbedingt entspannt.
