Zum Inhalt springen
Marktbericht
5 min

KLA mit KGV 680 und +45 % in 13 Wochen — wer kauft das noch, und warum?

KLA Corporation läuft in 13 Wochen 45,6 % — bei einem KGV von 680, das den Sektor-Median von 52 um das Dreizehnfache übertrifft. Applied Materials steht exakt am Median. Zwei Halbleiter-Ausrüster, zwei völlig verschiedene Bewertungsrealitäten.

Wenn das Messgerät mehr kostet als die Fabrik

Stellen Sie sich vor, Sie kaufen eine Waage für Ihr Bäckerei-Lager — und zahlen dafür mehr als für das gesamte Mehlvorrat des nächsten Jahrzehnts. Das klingt absurd. Genau dieses Verhältnis beschreibt aber, was Anleger gerade bereit sind, für KLA Corporation zu bezahlen. Nicht für das Produkt, sondern für die Hoffnung dahinter.

Was der Makro-Rahmen gerade sagt

Deutschland steckt in einer leichten Rezession: Das BIP schrumpft mit -0,5 % auf Jahresbasis. Gleichzeitig zeigt die Industrieproduktion ein Plus von 25,6 % im Jahresvergleich — ein Wert, der auf den ersten Blick nicht zusammenpasst. Der Grund: Dieser Sprung kommt aus einem tiefen Basiseffekt des Vorjahres, nicht aus einem echten Aufschwung. Die Inflation liegt bei 2,3 %, die Arbeitslosigkeit bei 3,4 % — beides stabil, beides kein Treiber für Technologie-Investitionen aus dem Inland heraus.

Für den Technologie-Sektor bedeutet das: Der Rückenwind kommt nicht aus Deutschland, sondern aus dem globalen KI- und Halbleiter-Zyklus. Geopolitische Entspannungshoffnungen — konkret die Signale rund um ein mögliches Iran-Rahmenabkommen — haben zuletzt die Risikobereitschaft an den Märkten erhöht. Das spürt man auch in Frankfurt, wo der TecDAX zuletzt schwächer lief als der Gesamt-DAX, während einzelne Halbleiterwerte wie Siltronic und Infineon stärker im Fokus standen.

Sektorperformance: 43 Prozentpunkte vor dem DAX

Der Technologie-Sektor zeigt im Analysezeitraum ein durchschnittliches Momentum von 44,3 % — und liegt damit 43,4 Prozentpunkte vor dem DAX, der in vier Wochen nur 2,9 % zulegte. Das ist kein kleiner Vorsprung. Das ist eine andere Liga.

Für Sie als Anleger bedeutet das: Wer in diesem Sektor investiert ist, hat in den letzten Wochen deutlich mehr verdient als der Markt. Aber ein so großer Abstand stellt auch eine Frage, die ich nicht ignorieren kann: Wie viel Erwartung ist bereits eingepreist? Und was passiert, wenn diese Erwartungen auch nur leicht enttäuscht werden?

Blue Chips: KLA und Applied Materials

KLA Corporation stellt Prüf- und Messtechnik für die Halbleiterfertigung her — vereinfacht gesagt: die Qualitätskontrolle in der Chip-Fabrik. Das Unternehmen ist unverzichtbar, weil ohne präzise Fehleranalyse keine modernen Chips entstehen. Das Geschäftsmodell ist stark. Aber die Bewertung ist es nicht.

Das KGV — also wie viele Jahre Gewinn man zum aktuellen Kurs bezahlt — liegt bei 680. Der Sektor-Median liegt bei 52. Das bedeutet: KLA wird mit dem 13-fachen des Sektordurchschnitts bewertet. Das EV/EBITDA (ein Maß dafür, wie teuer ein Unternehmen im Verhältnis zu seinem operativen Gewinn ist, bereinigt um Schulden) liegt bei 46,2 — der Sektor-Median bei 35,3. Auch hier: deutlich über dem Schnitt, aber nicht so extrem wie beim KGV.

Der EPS — also der Gewinn je Aktie — liegt bei 3,07. Das klingt solide, erklärt aber nicht, wie man auf ein KGV von 680 kommt. Entweder sind die Gewinne gerade ungewöhnlich niedrig (zum Beispiel durch Einmaleffekte), oder der Markt preist Wachstum ein, das noch gar nicht existiert. EPS-Revisionsdaten fehlen mir hier — ich kann also nicht sagen, ob Analysten die Gewinnschätzungen gerade nach oben oder unten anpassen. Das ist eine Lücke, die ich ehrlich benennen muss.

Die Marktkapitalisierung von 2.728 Milliarden Euro wirkt auf den ersten Blick ungewöhnlich hoch — ich gehe davon aus, dass hier ein Datenfehler vorliegt, denn KLA ist ein großes, aber kein Mega-Cap-Unternehmen dieser Größenordnung. Ich behandle diese Zahl mit Vorsicht.

Applied Materials liefert Produktionsanlagen für die Halbleiterfertigung — also die Maschinen, die Chips physisch herstellen. Das Unternehmen ist einer der drei größten Ausrüster weltweit. Der EPS liegt bei 9,24, deutlich höher als bei KLA.

Und hier liegt der interessante Kontrast: Applied Materials wird mit einem KGV von exakt 52,2 bewertet — was dem Sektor-Median entspricht. Das EV/EBITDA liegt ebenfalls exakt am Median: 35,3. Applied Materials ist damit das Lehrbuch-Beispiel einer fairen Sektorbewertung. Kein Aufschlag, kein Abschlag. Der Markt sieht dieses Unternehmen als repräsentativ für den Sektor — nicht mehr, nicht weniger.

Das ROC — also die Kursveränderung über einen bestimmten Zeitraum — liegt bei +26,7 % in vier Wochen und +44 % in 13 Wochen. Fast identisch mit KLA. Zwei Unternehmen, ähnliche Kursentwicklung, aber völlig verschiedene Bewertungsniveaus. Das ist der Widerspruch, den ich nicht glätten will.

Nebenwerte: Vorsicht ist hier die ehrlichere Empfehlung

TC Unterhaltungselektronik AG zeigt ein ROC von +71,8 % in vier Wochen und +412 % in 13 Wochen. Das KGV liegt bei 1,3, das EV/EBITDA bei 2,3 — gegenüber einem Sektor-Median von 35,3. Die Marktkapitalisierung wird mit null ausgewiesen. Ich sage Ihnen direkt: Diese Datenlage erlaubt keine seriöse Analyse. Ein KGV von 1,3 bei gleichzeitig extremem Kursanstieg und fehlender Marktkapitalisierung deutet entweder auf einen Datenfehler oder auf ein Unternehmen in einer Ausnahmesituation hin, die ich nicht einordnen kann. Ich empfehle hier: Finger weg, bis die Datenlage klarer ist.

HODL SPAC EUROPE AB ist ein SPAC — eine Mantelgesellschaft, die Kapital einsammelt, um später ein Unternehmen zu übernehmen. Das ROC liegt bei -18,2 % in vier Wochen, aber +50 % in 13 Wochen. Das EV/EBITDA von 30,4 liegt leicht unter dem Sektor-Median. Kein KGV, keine Umsatzdaten, keine Marktkapitalisierung. SPACs sind strukturell schwer zu bewerten — ohne Zielunternehmen gibt es nichts zu analysieren. Auch hier: beobachten, nicht kaufen.

Sentiment: Keine Divergenz-Signale

Für diesen Zeitraum liegen keine Divergenz-Signale vor — also keine Titel, bei denen Momentum und Marktstimmung in entgegengesetzte Richtungen zeigen. Das bedeutet nicht, dass alles ruhig ist. Es bedeutet, dass die verfügbaren Daten kein klares Warnsignal senden. Ich nehme das zur Kenntnis, aber ich verlasse mich nicht darauf.

Fazit: Applied Materials beobachten, KLA-Bewertung respektieren

Der Technologie-Sektor läuft dem Gesamtmarkt weit voraus. Das ist Fakt. Aber innerhalb des Sektors gibt es erhebliche Bewertungsunterschiede, die ich nicht wegdiskutieren kann. KLA mit KGV 680 ist für mich kein Kauf — nicht weil das Unternehmen schlecht ist, sondern weil der Preis keine Fehlertoleranz lässt. Applied Materials auf Sektor-Median ist die ruhigere Alternative für alle, die im Halbleiter-Ausrüster-Segment investiert bleiben wollen.

Was ich jetzt beobachte: die EPS-Revisionen bei KLA. Wenn Analysten die Gewinnschätzungen in den nächsten Wochen nach oben anpassen, relativiert sich das KGV. Wenn nicht, ist die Bewertung schlicht nicht haltbar. Das ist die eine Variable, die ich im Blick behalte — wie die Waage im Bäckerei-Lager: Erst wenn man weiß, was wirklich drin ist, macht der Preis Sinn.

Einschätzung
Redaktionelle Einordnung
der aktien.live-Redaktion
Team Sesselmann

Der Technologie-Sektor läuft dem DAX mit einem Sektormomentem von 44,3 % versus 2,9 % (4-Wochen-ROC DAX) um mehr als 40 Prozentpunkte davon — eine Spreizung, die nicht dauerhaft ignoriert werden kann. Für uns ist der Bewertungskontrast im Sektor das eigentliche Signal: Applied Materials notiert exakt am Sektor-Median (KGV 52,2; EV/EBITDA 35,3), KLA Corporation hingegen bei KGV 680 — dem 13-fachen dieses Medians. Der Knackpunkt ist nicht die Qualität der Unternehmen, sondern die Fehlertoleranz: Bei KLA reicht eine einzige enttäuschte Erwartung, um die Bewertung ins Wanken zu bringen.

Diese Einschätzung gibt die persönliche Meinung der Redaktion wieder und stellt keine Anlageberatung oder Kauf-/Verkaufsempfehlung dar.

Quellen & Fußnoten
  1. Marktbericht Frankfurt: DAX und TecDAX aktuell
  2. KI-Boom treibt Börsen an — ZDFheute Börse
  3. DAX-Wochenzusammenfassung und Tech-Werte
  4. Siltronic und Halbleiterwerte Frankfurt

Sonntags, ein Brief.
Kurz. Klar. Kostenlos.

Jeden Sonntagmorgen in deinem Postfach: die wichtigsten Fundamentalanalysen der Woche, die drei Quartalszahlen, die du nicht verpasst hast, und die Einschätzung zum Markt. Kein Spam, jederzeit abbestellbar.

Herausgeber: EIN Sesselmann AG. Hiermit melde ich mich zum wöchentlichen Newsletter an. Sie können sich jederzeit über einen Link am Ende jedes Newsletters abmelden. Hinweis zum Datenschutz