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Marktbericht
4 min

Marathon Petroleum +36 % in 13 Wochen — aber Brent über 100 Dollar macht den Gewinn zum Risiko

Marathon Petroleum läuft in 13 Wochen +36,16 % und kostet weniger als der Sektor-Median — doch Brent über 100 Dollar dreht die Logik um: Was Raffineure antreibt, kann sie auch bremsen.

Stellen Sie sich eine Wasserradmühle vor. Solange der Fluss gleichmäßig fließt, dreht sich das Rad zuverlässig. Steigt der Pegel zu stark, reißt die Strömung das Rad aus der Verankerung. Genau das beschreibt die Lage im Energiesektor gerade: Die Preise treiben die Kurse — bis sie es nicht mehr tun.

Was gerade in Deutschland passiert

Die deutsche Wirtschaft wächst mit 0,24 % kaum spürbar. Die Inflationsrate liegt bei 2,17 % — also knapp über dem EZB-Ziel, aber nicht dramatisch. Was auffällt: Die Industrieproduktion ist im Jahresvergleich um 25,16 % gestiegen. Das ist eine Zahl, die ich zweimal gelesen habe. Sie deutet auf eine starke Erholung nach einem schwachen Vorjahr hin, nicht auf einen strukturellen Boom. Die Arbeitslosenquote von 3,8 % zeigt einen stabilen Arbeitsmarkt.

Für den Energiesektor ist der entscheidende Faktor dieser Wochen der Ölpreis. Brent überschritt Mitte September zeitweise die 100-Dollar-Marke — das belastete den DAX, der in vier Wochen 3,16 % verlor. Ein Stratege der Deutschen Bank wird damit zitiert, dass Investoren wegen der Konflikte im Nahen Osten höhere Energiepreise für längere Zeit einpreisen. Das ist kein Randkommentar, das ist eine Erwartungshaltung, die Kapitalflüsse bewegt.

Sektorperformance: 38 Prozentpunkte vor dem DAX

Der Energiesektor liegt mit einem durchschnittlichen Momentum von 36,98 % satte 37,95 Prozentpunkte vor dem DAX. Das ist eine außergewöhnliche Lücke. Wenn ein Sektor so weit vor dem Gesamtmarkt läuft, lohnt sich eine ruhige Frage: Ist das fundamentale Stärke, oder haben die Kurse die Realität bereits überholt?

Ich sehe hier beides. Die Gewinne der Raffinerien sind real, die Nachfrage nach Kraftstoffen und Petrochemie ist stabil. Aber ein Ölpreis über 100 Dollar ist für Raffineure kein einfaches Geschenk — er erhöht die Rohstoffkosten und drückt die sogenannte Crack Spread, also die Marge zwischen dem Einkaufspreis für Rohöl und dem Verkaufspreis für Benzin oder Diesel. Das ist der Widerspruch, den ich in diesem Sektor gerade sehe.

Blue Chips: Marathon Petroleum und Phillips 66

Marathon Petroleum — einer der größten Raffineriebetreiber der USA — läuft in vier Wochen +12,51 % und in 13 Wochen +36,16 %. Das KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis — also wie viele Jahre Gewinn man für den aktuellen Aktienkurs bezahlt) liegt bei 14,55. Der Sektor-Median liegt bei 15,20. Marathon ist damit leicht günstiger als der Durchschnitt — kein großer Abschlag, aber kein Aufpreis. Das EV/EBITDA (Unternehmenswert im Verhältnis zum operativen Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen — ein Maß für die Gesamtbewertung unabhängig von der Kapitalstruktur) liegt bei 7,72 — exakt am Sektor-Median. Der Gewinn je Aktie beträgt 25,43 EUR. Zu EPS-Revisionen und Umsatzentwicklung liegen mir keine aktuellen Daten vor, was ich direkt sage: Ohne diese Zahlen ist die Bewertung nur halb lesbar.

Phillips 66 — ebenfalls ein integrierter Raffinerie- und Midstream-Konzern — läuft in vier Wochen +6,24 % und in 13 Wochen +28,54 %. Das KGV liegt bei 15,20 — exakt am Sektor-Median, also weder Rabatt noch Aufpreis. Das EV/EBITDA beträgt 9,23, während der Sektor-Median bei 7,72 liegt. Phillips 66 ist damit beim EV/EBITDA rund 19 % teurer als der Sektordurchschnitt. Der Gewinn je Aktie liegt bei 15,45 EUR — deutlich unter Marathon. Wer hier mehr zahlt, bekommt ein breiteres Geschäftsmodell mit Chemie- und Midstream-Segmenten, aber keinen Bewertungsrabatt.

Ich sehe Marathon Petroleum als das nüchternere Angebot der beiden: leicht unter Sektor-Median beim KGV, am Median beim EV/EBITDA, stärkeres Momentum. Phillips 66 hat ein diversifizierteres Geschäft, kostet aber mehr — ob das gerechtfertigt ist, hängt davon ab, wie sich die Chemie-Margen entwickeln.

Nebenwerte: Wenn die Datenlage die Analyse übernimmt

Nostrum Oil & Gas — ein kleiner Öl- und Gasproduzent mit einer Marktkapitalisierung von gerade einmal 1 Mio. EUR — verliert in vier Wochen 44,44 % und in 13 Wochen 88,64 %. Das EV/EBITDA liegt bei 4,45, also unter dem Sektor-Median von 7,72. Günstig auf dem Papier — aber ein Unternehmen, das in 13 Wochen fast 90 % seines Börsenwerts verliert, ist kein Schnäppchen. Das ist ein Warnsignal. Ich sage das direkt: Die Datenlage erlaubt hier keine konstruktive These.

Provaris Energy — ein australisches Wasserstoff-Transportunternehmen mit 2 Mio. EUR Marktkapitalisierung — verdoppelt sich in vier Wochen (+100 %), zeigt aber über 13 Wochen 0 % Veränderung. Das EV/EBITDA ist negativ (-1,34), was bedeutet: Das Unternehmen macht operativ Verluste. Kein KGV, kein Umsatzwachstum verfügbar. Solche Bewegungen bei Micro-Caps entstehen oft durch sehr geringe Handelsvolumina — ein einzelner größerer Kauf reicht, um den Kurs zu verdoppeln. Das ist kein Momentum, das ich für eine Anlageentscheidung nutzen würde.

Sentiment: Keine Divergenz — aber auch keine Klarheit

Für alle vier Titel liegen mir keine Sentiment-Daten vor. Das ist ungewöhnlich und bedeutet: Ich kann nicht sagen, ob der Markt optimistisch oder skeptisch auf die aktuellen Kursbewegungen schaut. In einem Sektor, der 38 Prozentpunkte vor dem DAX läuft, wäre das eine wichtige Zusatzinformation. Ohne sie bleibt die Einschätzung auf Fundamentaldaten und Preisentwicklung beschränkt.

Fazit: Das Wasserrad dreht sich — aber der Pegel steigt

Marathon Petroleum liefert solide Zahlen zu einer Bewertung, die nicht übertrieben ist. Das ist eine gute Ausgangslage. Aber der Ölpreis über 100 Dollar ist kein Rückenwind für Raffineure — er ist ein Faktor, den ich genau beobachte. Wenn Brent auf diesem Niveau bleibt oder weiter steigt, werden die Margen der Raffinerien leiden, auch wenn die Kurse das noch nicht zeigen.

Meine Empfehlung: Wer Marathon Petroleum oder Phillips 66 im Depot hat, sollte den Crack Spread — also die Raffineriemarge — als zentrale Kennzahl im Blick behalten. Fällt sie, gerät der Gewinn unter Druck, egal wie hoch der Ölpreis steht. Das ist die Variable, die ich in den nächsten Wochen monitore. Das Wasserrad dreht sich noch — aber ich prüfe den Pegel.

Einschätzung
Redaktionelle Einordnung
der aktien.live-Redaktion
— Team Sesselmann

Der Energiesektor läuft 37,95 Prozentpunkte vor dem DAX — das ist kein normaler Vorsprung. Marathon Petroleum zeigt +36 % in 13 Wochen, das KGV liegt bei 14,55 und damit leicht unter dem Sektor-Median von 15,20. Doch Brent über 100 Dollar ist für Raffineure kein Rückenwind. Steigen die Rohölkosten schneller als die Kraftstoffpreise, schrumpft die Raffineriemarge — und der Kursvorsprung des Sektors steht auf wackeligem Fundament.

Diese Einschätzung gibt die persönliche Meinung der Redaktion wieder und stellt keine Anlageberatung oder Kauf-/Verkaufsempfehlung dar.

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