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Marktbericht
5 min

Marvell +196 %, Dell +144 % — aber wer zahlt EV/EBITDA 55 für einen Chip-Designer?

Wenn der Zug schon fährt Stellen Sie sich vor, Sie stehen auf dem Bahnsteig und sehen einen Zug abfahren — schnell, sehr schnell. Die Frage ist nicht, ob der Zug fährt. Die Frage ist, ob Sie noch einsteigen wollen, wenn er schon auf 80 km/h beschleunigt hat und das Ticket dreimal so viel kostet wie …

Wenn der Zug schon fährt

Stellen Sie sich vor, Sie stehen auf dem Bahnsteig und sehen einen Zug abfahren — schnell, sehr schnell. Die Frage ist nicht, ob der Zug fährt. Die Frage ist, ob Sie noch einsteigen wollen, wenn er schon auf 80 km/h beschleunigt hat und das Ticket dreimal so viel kostet wie vor drei Monaten.

Genau das beschreibt die Lage im Technologie-Sektor gerade.

Was der Makro-Rahmen sagt

Deutschland schrumpft. Das BIP liegt bei minus 0,5 Prozent — das ist kein Absturz, aber auch keine Erholung. Die Industrieproduktion zeigt im Jahresvergleich ein Plus von 25,6 Prozent, was auf den ersten Blick stark klingt. Dieser Wert ist jedoch stark basisverzerrt: Vor einem Jahr war die Produktion ungewöhnlich schwach, deshalb sieht das Plus jetzt so groß aus. Die Inflation liegt bei 2,3 Prozent, die Arbeitslosigkeit bei 3,4 Prozent — beides unauffällig. Für den Technologie-Sektor bedeutet das: Der heimische Rückhalt fehlt. Wachstum kommt hier nicht aus Deutschland, sondern aus dem globalen KI-Investitionszyklus.

Genau das spiegelt sich in den Kursen wider. Und genau deshalb schauen wir diese Woche auf zwei US-Titel, die an der Frankfurter Börse gelistet sind und den Sektor dominieren.

Sektorperformance: +40 % in vier Wochen — aber Vorsicht mit dem Jubel

Der Technologie-Sektor zeigt ein durchschnittliches Momentum von 40,4 Prozent über vier Wochen — das sind 39,8 Prozentpunkte mehr als der DAX im gleichen Zeitraum. Das ist eine außergewöhnliche Abweichung. Zum Vergleich: Der DAX selbst legte in vier Wochen nur 1,7 Prozent zu.

Gleichzeitig berichtete die Deutsche Börse zuletzt von Verlusten im Frankfurter Handel, ausgelöst durch Bewertungssorgen im US-Tech-Sektor und Gewinnmitnahmen bei Halbleiterwerten. Infineon wurde von Warburg Research auf „Hold” gestuft. Der TecDAX gab nach. Das passt nicht zusammen mit einem Sektor-Momentum von 40 Prozent — und das ist kein Fehler in den Daten, sondern ein echter Widerspruch. Die Erklärung: Die starken Vier-Wochen-Zahlen wurden früher im Beobachtungszeitraum aufgebaut. Die letzte Woche war schwächer. Wer nur auf die Gesamtzahl schaut, sieht nicht, dass der Schwung nachlässt.

Blue Chips: Marvell und Dell — zwei Geschwindigkeiten, zwei Bewertungswelten

Marvell Technology (9MW) ist ein US-amerikanischer Halbleiter-Designer, der Chips für Datenzentren, Netzwerkinfrastruktur und KI-Beschleuniger entwickelt. In 13 Wochen legte die Aktie 196 Prozent zu — das ist kein Tippfehler. In vier Wochen allein waren es 99,8 Prozent.

Das EV/EBITDA liegt bei 55,6 — der Sektor-Median liegt bei 25,5. EV/EBITDA ist das Verhältnis aus Unternehmenswert und operativem Gewinn vor Abschreibungen: Je höher, desto teurer. Marvell kostet also mehr als das Doppelte des Sektordurchschnitts. Das KGV — also wie viele Jahre Gewinn man für den Aktienkurs bezahlt — liegt bei 109, exakt auf Höhe des Sektor-Medians. Das ist konsistent, aber nicht günstig. Kurs- und RSI-Daten fehlen in meinen Unterlagen, was eine technische Einordnung erschwert. Was ich sagen kann: Bei einem EV/EBITDA von 55,6 kauft man keine günstige Aktie — man kauft eine Wachstumswette auf den KI-Infrastrukturausbau. Das kann aufgehen. Es kann auch sehr schnell sehr teuer werden, wenn die Erwartungen nicht erfüllt werden.

Dell Technologies (12DA) baut und verkauft Server, PCs und Speicherlösungen — und profitiert stark davon, dass Unternehmen weltweit KI-fähige Infrastruktur kaufen. In 13 Wochen legte Dell 144 Prozent zu, in vier Wochen 84,8 Prozent.

Hier ist die Bewertung deutlich anders: KGV von 32 gegenüber dem Sektor-Median von 109 — das ist ein erheblicher Abschlag. Das EV/EBITDA liegt bei 25,5 und damit exakt auf dem Sektor-Median. Dell ist also nach beiden Maßstäben günstiger als Marvell, und nach dem KGV sogar deutlich günstiger als der Sektor. Der EPS — also der Gewinn je Aktie — liegt bei 10,81 Euro, bei Marvell bei 2,51 Euro. Dell verdient operativ deutlich mehr je Aktie, wird aber trotzdem mit einem niedrigeren Vielfachen bewertet. Das liegt an der Wahrnehmung: Marvell gilt als reiner KI-Chip-Designer mit hohem Wachstumspotenzial, Dell als Hardware-Distributor mit niedrigeren Margen. Ob dieser Bewertungsunterschied gerechtfertigt ist, hängt davon ab, wie lange der KI-Infrastruktur-Boom anhält.

Nebenwerte: Ehrlichkeit vor Schönrednerei

Manz AG (M5Z) ist ein deutsches Maschinenbauunternehmen, das Produktionsanlagen für Batterien, Solarzellen und Elektronik herstellt. Das EV/EBITDA liegt bei 5,1 — weit unter dem Sektor-Median von 25,5. Das klingt günstig. Aber: Die Marktkapitalisierung beträgt laut meinen Daten nur 1 Million Euro. Das ist kein Tippfehler, aber es ist auch kein normaler Nebenwert mehr — das ist ein Unternehmen in einer Ausnahmesituation. Ohne KGV, ohne Umsatzdaten, ohne RSI kann ich hier keine belastbare These aufstellen. Ich sage das direkt: Die Datenlage reicht nicht für eine Empfehlung.

XIGEM Technologies (VZ6) zeigt ein EV/EBITDA von minus 0,04 — ein negativer Wert bedeutet, dass das Unternehmen kein positives EBITDA erwirtschaftet, also operativ Verluste macht. Die Marktkapitalisierung liegt bei null Millionen Euro. In 13 Wochen legte der Kurs 120 Prozent zu, in vier Wochen gar nichts. Das ist ein Muster, das ich aus Erfahrung kenne: starke Bewegungen in kleinen, illiquiden Titeln ohne fundamentale Basis. Ich halte mich hier zurück — und ich empfehle Ihnen dasselbe.

Sentiment: Keine Divergenz — aber das ist kein Freifahrtschein

Es gibt aktuell weder Titel mit positivem Momentum bei negativem Sentiment noch umgekehrt. Sentiment-Daten fehlen für alle vier betrachteten Werte. Das bedeutet nicht, dass alles in Ordnung ist — es bedeutet, dass ich Ihnen hier kein klares Signal geben kann. Was ich aus den Nachrichten entnehme: Die Stimmung im Tech-Sektor ist fragil. Bewertungssorgen sind real, Gewinnmitnahmen laufen, und Infineon zeigt, dass selbst solide deutsche Tech-Werte nicht immun sind.

Fazit: Einsteigen ja — aber mit Preisschild im Blick

Der Technologie-Sektor hat in den letzten 13 Wochen außergewöhnliche Renditen geliefert. Marvell und Dell sind die Lokomotiven. Aber der Zug fährt schnell, und das Ticket ist teuer geworden — besonders bei Marvell mit EV/EBITDA 55,6.

Meine Empfehlung: Wer Marvell oder Dell bereits hält, sollte Gewinne nicht reflexartig mitnehmen, aber Positionsgrößen überprüfen. Wer neu einsteigen will, sollte nicht dem Momentum hinterherlaufen, sondern auf einen Rücksetzer warten — oder zumindest in Tranchen kaufen statt auf einmal. Die Variable, die ich im Blick behalte: das EV/EBITDA von Marvell. Wenn es sich dem Sektor-Median von 25,5 annähert — durch Kurskorrektur oder durch Gewinnwachstum — wird die Aktie interessanter. Bis dahin ist Geduld keine Schwäche, sondern Strategie.

Der Zug fährt. Aber manchmal ist der nächste Zug der bessere.

Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageberatung dar.

Einschätzung
Redaktionelle Einordnung
der aktien.live-Redaktion
Team Sesselmann

Dell Technologies ist im Sektor-Vergleich die nüchternere Wahl: KGV 32 gegenüber dem Sektor-Median von 109, EV/EBITDA exakt auf Median-Niveau, EPS von 10,81 Euro. Marvell liefert mehr Kursdynamik, kostet aber mit EV/EBITDA 55,6 mehr als das Doppelte des Sektors — das ist eine Wachstumswette, keine Substanzposition. Wir beobachten beide Titel, bevorzugen aber Dell für risikobewusste Anleger. Kaufen in Tranchen, wenn der Sektor konsolidiert.

Diese Einschätzung gibt die persönliche Meinung der Redaktion wieder und stellt keine Anlageberatung oder Kauf-/Verkaufsempfehlung dar.

Quellen & Fußnoten
  1. Aktien Frankfurt: Verluste — Sorgen wegen zu hoher Bewertungen im US-Tech-Sektor
  2. Marktberichte — tagesschau.de
  3. Infineon — Warburg senkt auf Hold, Kursziel 84 Euro — onvista

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