Stellen Sie sich eine alte Küchenwaage vor: Auf einer Seite liegt ein schwerer Stein, auf der anderen eine Feder. Die Waage zeigt Gleichgewicht — aber nur, weil jemand heimlich an der Mechanik gedreht hat. Genau dieses Gefühl beschleicht mich, wenn ich die Grundstoff-Daten dieser Woche aufschlage. Die Zahlen sehen ordentlich aus. Doch wenn man genauer hinschaut, stimmt etwas nicht ganz.
Was der Makro-Rahmen gerade sagt
Deutschland wächst — aber kaum. Das BIP-Wachstum liegt bei 0,24 %, die Industrieproduktion dagegen ist im Jahresvergleich um 25,2 % gestiegen. Das klingt nach einem Widerspruch, ist aber erklärbar: Die Produktion hat sich nach dem Einbruch der Vorjahre erholt, während die Gesamtwirtschaft noch zögert. Die Inflation bei 2,2 % ist stabil, die Arbeitslosigkeit bei 3,8 % niedrig. Für Grundstoffunternehmen bedeutet das: Die Nachfrage aus der Industrie zieht an, die Lohnkosten bleiben beherrschbar. Das ist kein schlechtes Umfeld.
Dazu kommt das Marktbild: Der DAX markierte zuletzt einen Wochenschlussrekord bei 25.779 Punkten, europäische Aktien insgesamt laufen stark. Analysten wie Robert Halver von der Baader Bank sprechen von einer Phase der Selektion und Rotation — weg von US-Technologie, hin zu europäischen Werten. Zyklische Sektoren wie Grundstoffe können davon profitieren, müssen es aber nicht automatisch.
Sektorperformance: Stark auf dem Papier, aber mit Fragezeichen
Das Sektor-Momentum liegt bei 72,5 % — das ist der Durchschnittswert über alle beobachteten Titel. Die relative Stärke gegenüber dem DAX beträgt knapp 72 Prozentpunkte. Relative Stärke bedeutet hier: Der Sektor hat sich im Beobachtungszeitraum deutlich besser entwickelt als der DAX als Vergleichsmaßstab. Das klingt eindrucksvoll. Ich sage Ihnen aber ehrlich: Diese Zahl wird durch einzelne Ausreißer nach oben verzerrt. Die beiden Blue Chips, die ich gleich bespreche, liefern ein deutlich nüchterneres Bild.
Blue Chips: Nutrien und ArcelorMittal
Beginnen wir mit Nutrien (Ticker: N7T). Das Unternehmen ist einer der weltgrößten Produzenten von Düngemitteln — Kali, Stickstoff, Phosphat. Wer Landwirtschaft betreibt, kommt an Nutrien kaum vorbei. Das Geschäftsmodell ist zyklisch, aber mit struktureller Nachfrage unterlegt: Die Welt braucht Nahrung, Nahrung braucht Dünger.
Jetzt zur Bewertung. Das KGV — also wie viele Jahre Gewinn man rechnerisch für den aktuellen Aktienkurs bezahlt — liegt bei 13,0. Der Sektor-Median liegt bei 16,2. Nutrien ist damit rund 20 % günstiger als der Durchschnitt seiner Branche. Das EV/EBITDA — ein Maß dafür, wie teuer ein Unternehmen im Verhältnis zu seinem operativen Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen bewertet ist — beträgt 7,1, während der Sektor-Median bei 13,9 liegt. Nutrien kostet also gut halb so viel wie der Sektordurchschnitt, gemessen an diesem Maßstab.
Das klingt nach einem Schnäppchen. Aber hier liegt das Fragezeichen: Der Kurs hat in den vergangenen 13 Wochen 8,4 % verloren. In den letzten vier Wochen gab es nur ein mageres Plus von 1,2 %. Wenn ein Titel so günstig bewertet ist und trotzdem fällt, gibt es meistens einen Grund. EPS-Revisionsdaten — also ob Analysten ihre Gewinnschätzungen nach oben oder unten anpassen — liegen mir für Nutrien nicht vor. Das ist ein Datenlücke, die ich nicht schönreden will. Ohne diese Information kann ich nicht sagen, ob die günstige Bewertung eine Chance ist oder ein Warnsignal. Ich beobachte Nutrien weiter, aber ich handle nicht auf Basis einer einzigen günstigen Kennzahl.
Anders das Bild bei ArcelorMittal (Ticker: ARRD). Der weltgrößte Stahlproduzent braucht keine lange Vorstellung: Stahl für Autos, Gebäude, Infrastruktur. Das KGV liegt bei 16,2 — exakt am Sektor-Median. Das EV/EBITDA ebenfalls bei 13,9, also genau auf Höhe des Medians. ArcelorMittal ist damit fair bewertet, weder teuer noch günstig. Der Kurs hat in den letzten vier Wochen 2,7 % verloren, über 13 Wochen aber 2,2 % gewonnen. Das ist kein Trend in eine klare Richtung — eher ein Seitwärtslauf mit leichtem Abwärtszug zuletzt. Auch hier fehlen mir EPS-Revisionsdaten für eine tiefere Einschätzung.
Nebenwerte: Ehrlichkeit vor Schönreden
Ich schaue mir diese Woche zwei Nebenwerte an — und ich sage Ihnen direkt, was ich sehe.
Forty Pillars Mining Corp. (69D) hat in vier Wochen 86,7 % verloren, in 13 Wochen 84,6 %. Die Marktkapitalisierung liegt bei null — das ist kein Druckfehler, das ist die Realität kleiner Explorationswerte, die noch keine Einnahmen generieren. Kein KGV, kein EV/EBITDA, keine Umsatzdaten. Ich habe hier keine Grundlage für eine seriöse Einschätzung. Wer in solche Titel investiert, spekuliert — das ist legitim, aber es ist keine Anlage im klassischen Sinne.
ENVIROMETAL TECHNOLOGIES (7N20) zeigt seit vier und seit 13 Wochen null Kursbewegung. Das EV/EBITDA liegt bei 112,9 — gegenüber einem Sektor-Median von 13,9. Das bedeutet: Der Markt bewertet dieses Unternehmen mit dem Achtfachen dessen, was im Sektor üblich ist, obwohl kein Kursmomentum erkennbar ist. Auch hier: keine Umsatzdaten, keine EPS-Informationen, Marktkapitalisierung bei null. Ich sehe hier keine belastbare Grundlage für eine Empfehlung.
Sentiment und Divergenzen
Sentiment-Daten — also Stimmungsindikatoren, die messen, ob Marktteilnehmer eher optimistisch oder pessimistisch auf einen Titel blicken — liegen für alle vier Werte dieser Woche nicht vor. Divergenz-Signale, also Situationen, in denen Kursmomentum und Marktstimmung auseinanderlaufen, gibt es keine. Das schränkt meine Einschätzung ein. Ich sage das lieber offen, als Ihnen eine Analyse zu präsentieren, die auf Lücken aufgebaut ist.
Was ich aus dem Nachrichtenkontext mitnehme: Edelmetall-ETFs verzeichnen laut Deutsche Börse Abflüsse, der Ölpreis fiel nach Entspannung im Nahen Osten. Für den Grundstoffsektor insgesamt bedeutet das kurzfristig gemischte Signale — das freundliche Gesamtmarktumfeld stützt, aber nicht alle Teilsegmente profitieren gleich.
Fazit: Günstig allein reicht nicht
Nutrien ist auf dem Papier günstig bewertet — das ist klar. Aber ein fallender Kurs bei fehlenden EPS-Revisionsdaten ist kein Startschuss zum Handeln. Ich empfehle Ihnen, Nutrien auf die Beobachtungsliste zu setzen und auf zwei Dinge zu warten: erstens auf aktualisierte Analysteneinschätzungen zu den Gewinnerwartungen, zweitens auf ein Zeichen, dass der Kurs aufhört zu fallen. Erst wenn beides zusammenkommt, wird aus der günstigen Bewertung eine echte Chance.
ArcelorMittal ist fair bewertet und bietet keinen offensichtlichen Einstiegsvorteil — aber auch keinen Grund zur Sorge. Wer bereits investiert ist, hat keinen Handlungsbedarf.
Die Küchenwaage aus meiner Einleitung: Sie zeigt Gleichgewicht, aber ich prüfe noch, ob jemand an der Mechanik gedreht hat. Bis das geklärt ist, behalte ich die Hand in der Tasche.
Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageberatung dar.
