Oracle berichtet heute nach Börsenschluss die Zahlen für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2027. Der Termin ist für den breiteren Markt relevant: Die Ergebnisse gelten als Stimmungstest für den AI-Infrastruktur-Trade, der in den vergangenen Quartalen viel Kapital angezogen hat.
Analystenerwartungen
Der Konsens liegt bei einem Non-GAAP-EPS von 1,73 bis 1,75 USD je Aktie und einem Umsatz von rund 19,13 Mrd. USD, was einem Wachstum von etwa 28 % gegenüber dem Vorjahresquartal entspricht. Oracle selbst hat eine Guidance von 1,72 bis 1,76 USD EPS und 18,96 bis 19,26 Mrd. USD Umsatz ausgegeben — der Konsens liegt damit genau in der Mitte dieser Spanne. Earnings-Whisper-Daten zeigen einen inoffiziellen Erwartungswert von 1,80 USD, was auf eine leichte Skepsis gegenüber einem größeren Beat hindeutet. Optionsmärkte preisen eine Kursbewegung von rund 11 % rund um den Berichtstag ein.
Bewertungskontext
Oracle kommt mit einem KGV von knapp 28 in den Berichtstag, bei einem TTM-EPS von 5,83 USD und einer Marktkapitalisierung von rund 468 Mrd. EUR. Das ist für ein Unternehmen, das lange primär als Datenbank- und ERP-Anbieter gesehen wurde, ein ambitioniertes Niveau. Es lässt sich nur rechtfertigen, wenn das Cloud-Wachstum strukturell bleibt und nicht vom Backlog-Aufbau der vergangenen Quartale abhängt. Von 39 Analysten empfehlen 20 den Kauf mit starker Überzeugung, 15 raten zum Halten — kein einziger zum Verkauf. Das ist ein Bild, das wenig Raum für Enttäuschungen lässt.
Was Anleger beachten sollten
Die zentrale Kennzahl ist nicht EPS oder Gesamtumsatz, sondern das Wachstum der Oracle Cloud Infrastructure. Im Vorquartal lag dieses bei 93 % YoY — eine Rate, die sich bei wachsender Basis zwangsläufig normalisiert. Oracle selbst hat für das Cloud-Gesamtsegment ein Wachstum von 58 bis 64 % in Aussicht gestellt. Ob das obere Ende dieser Spanne erreicht wird, dürfte die Kursreaktion stärker bestimmen als die EPS-Zahl selbst.
Ein zweiter Fokuspunkt ist der Auftragsbestand. Die Remaining Performance Obligations (RPO) sind in den vergangenen Quartalen stark gestiegen und gelten als Indikator für die Tiefe der AI-Nachfrage. Anleger werden prüfen, ob neue Großverträge sichtbar werden oder ob das Wachstum des Backlogs sich abschwächt.
Drittens: der Free Cashflow. Oracle hat zuletzt durch aggressive Investitionen in Rechenzentren und AI-Infrastruktur einen deutlich negativen FCF ausgewiesen. Ein Quartal mit spürbar verbessertem Cashflow würde die Diskussion um Verschuldung und Investitionsintensität dämpfen — bleibt er stark negativ, wird das Management erklären müssen, wie lange dieser Kurs noch läuft.
Wer auf einen klaren Beat hofft, sollte bedenken: Die Erwartungen sind hoch, die Guidance-Mitte ist bereits eingepreist, und der Kurs trägt bereits viel AI-Optimismus. Ein solides Quartal reicht möglicherweise nicht aus, um die implizierte Volatilität nach oben aufzulösen.
