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Marktbericht
4 min

Palo Alto +100 % in 13 Wochen — und Palantir mit KGV 143 kostet trotzdem halb so viel wie der Sektor-Median

Palo Alto Networks hat sich in 13 Wochen verdoppelt, Palantir verliert gleichzeitig fast 7 % in vier Wochen — bei einem KGV von 143, das noch immer unter dem halben Sektor-Median liegt. Was steckt hinter dieser Schere?

Stellen Sie sich vor, Sie stehen in einer Werkzeughandlung und sehen zwei Sägen nebeneinander. Eine kostet das Doppelte der anderen. Beide schneiden Holz. Aber eine hat in den letzten drei Monaten so viele Bestellungen bekommen, dass der Händler kaum nachkommt — die andere liegt ruhig im Regal. Welche kaufen Sie? Genau diese Frage stellt der Technologiesektor gerade.

Was der Makrorahmen sagt

Deutschland wächst nicht. Das BIP schrumpft um 0,5 % — ein schwaches Fundament für einen Sektor, der auf Investitionsbereitschaft angewiesen ist. Gleichzeitig zeigt die Industrieproduktion ein Plus von 25,6 % im Jahresvergleich, was auf Nachholeffekte nach langen Schwächephasen hindeutet. Die Inflation liegt bei 2,3 %, die Arbeitslosigkeit bei 3,4 % — beides unauffällig. Der US-Leitzins bleibt unverändert, was Bewertungsmultiples für Wachstumswerte zumindest nicht weiter belastet. Für Technologieaktien bedeutet das: Das Makroumfeld ist kein Rückenwind, aber auch kein aktiver Bremser. Die Bewegung kommt aus dem Sektor selbst.

Sektorperformance: 79 Punkte vor dem DAX

Der Technologiesektor liegt im Vier-Wochen-Zeitraum 79,25 Prozentpunkte vor dem DAX — der DAX selbst legte in vier Wochen 4,1 % zu, in 13 Wochen 12,5 %. Das durchschnittliche Momentum im Sektor liegt bei 80,5 %. Das klingt nach einem Selbstläufer. Aber genau hier lohnt ein zweiter Blick: Einzelne Werte wie Infineon haben nach einem Kursanstieg von über 100 % seit Jahresanfang zuletzt mehr als 14 % korrigiert. Der Chipsektor — Aixtron, Siltronic, PVA TePla, Süss MicroTec — wurde von Gewinnmitnahmen erfasst, ausgelöst durch eine Nasdaq-Schwäche von rund 4 %. Das Sektorbild ist also kein gleichmäßiger Aufstieg, sondern ein Flickenteppich aus Gewinnern, Korrekturen und Ausreißern.

Blue Chips: Zwei Titel, eine Schere

Palantir Technologies (PTX) ist ein US-Softwareunternehmen, das Behörden und Konzerne mit Datenanalyse-Plattformen versorgt — vereinfacht gesagt: Software, die aus riesigen Datenmengen handlungsrelevante Informationen macht. Das KGV — also wie viele Jahre Gewinn man rechnerisch für den aktuellen Aktienkurs bezahlt — liegt bei 142,9. Das klingt hoch. Aber der Sektor-Median liegt bei 298,9. Palantir ist damit auf KGV-Basis weniger als halb so teuer wie der Durchschnitt seiner Peer-Gruppe. Das EV/EBITDA — ein Bewertungsmaß, das den Unternehmenswert ins Verhältnis zum operativen Gewinn setzt — liegt bei 145,5, der Sektor-Median bei 143,4. Hier ist Palantir also exakt auf Sektorniveau. Der EPS — der Gewinn je Aktie — liegt bei 0,78 EUR. Trotzdem verliert die Aktie in vier Wochen 6,96 % und in 13 Wochen 2,68 %. Kurs-, RSI- und Sentimentdaten fehlen mir für diesen Titel, was eine vollständige technische Einordnung verhindert. Was ich sagen kann: Die Bewertung ist relativ moderat für diesen Sektor — aber das Momentum zeigt klar nach unten.

Palo Alto Networks (5AP) ist ein US-Cybersicherheitsunternehmen — es schützt Unternehmensnetzwerke vor digitalen Angriffen, ein Geschäft mit strukturell wachsender Nachfrage. Das KGV liegt bei 298,9 — exakt am Sektor-Median. Das EV/EBITDA liegt bei 143,4, ebenfalls am Median. Palo Alto ist damit ein Sektor-Durchschnittswert in der Bewertung. Was es vom Durchschnitt unterscheidet: +32,1 % in vier Wochen, +100,1 % in 13 Wochen. Der EPS liegt bei 1,02 EUR. Auch hier fehlen mir RSI, SMA-Abstände und Sentimentdaten — ich kann also nicht beurteilen, ob der Kurs technisch überhitzt ist. Was die Zahlen zeigen: Palo Alto hat in drei Monaten seinen Kurs verdoppelt, bei einer Bewertung, die der Sektor als normal akzeptiert. Das ist bemerkenswert — aber es ist auch genau die Situation, in der Gewinnmitnahmen erfahrungsgemäß einsetzen.

Nebenwerte: Ehrliche Einschätzung

XM Reality AB (5LL) ist ein schwedisches Unternehmen im Bereich Augmented Reality für industrielle Anwendungen. Das EV/EBITDA liegt bei 11,2 — weit unter dem Sektor-Median von 143,4. Das klingt günstig. Aber: Die Marktkapitalisierung liegt bei null — das deutet auf extreme Kleinstgröße oder Datenlücken hin. Der Kurs ist in 13 Wochen um 66,7 % gefallen, in vier Wochen liegt er bei null Bewegung. KGV, RSI, Sentiment — alles fehlt. Ich kann hier keine fundierte These aufstellen. Wer in Kleinstwerte mit unvollständiger Datenlage investiert, trägt ein Risiko, das sich mit den vorliegenden Zahlen nicht seriös einschätzen lässt.

Global Compliance Applications Corp (TK6) bietet Compliance-Software an — also Werkzeuge, die Unternehmen bei der Einhaltung gesetzlicher Vorschriften unterstützen. Marktkapitalisierung: 1 Mio. EUR. EV/EBITDA: 53,2, deutlich unter dem Sektor-Median. Aber auch hier: kein KGV, kein RSI, kein Sentiment, kein Umsatzwachstum. In 13 Wochen minus 33,3 %. Ich sage das direkt: Diese Datenlage reicht nicht für eine belastbare Einschätzung. Beide Nebenwerte sind für mich derzeit nicht einordenbar — und das ist eine ehrliche Aussage, keine Schwäche.

Sentiment-Signal

Divergenzsignale — also Situationen, in denen Momentum und Marktstimmung in verschiedene Richtungen zeigen — gibt es in diesem Sektor aktuell keine. Das bedeutet: Es gibt keine versteckten Kontraindikatoren, die auf eine bevorstehende Trendwende hindeuten würden. Was es gibt, ist ein Sektor, der nach einem sehr starken Lauf in eine technische Korrekturphase eingetreten ist. Jenoptik konnte sich im MDAX mit +2,7 % positiv absetzen — ein Hinweis darauf, dass selektives Interesse an Industrie-Technologie mit solider Auftragslage weiter besteht, auch wenn der breite Chipsektor korrigiert.

Fazit

Palo Alto hat sich verdoppelt — bei einer Bewertung, die der Markt für normal hält. Palantir verliert Boden — bei einer Bewertung, die unter dem halben Sektor-Median liegt. Das ist kein Widerspruch, den ich glätten will: Momentum und Bewertung laufen hier auseinander, und das ist genau die Situation, die Aufmerksamkeit verdient. Ich empfehle, Palo Alto auf dem aktuellen Niveau genau zu beobachten — nicht weil die Bewertung falsch ist, sondern weil ein verdoppelter Kurs in drei Monaten erfahrungsgemäß Geduld braucht, bevor er den nächsten Schritt macht. Bei Palantir lohnt es sich, auf ein Stabilisierungssignal zu warten — konkret: auf einen RSI unter 40 kombiniert mit einer Bodenbildung über mehrere Wochen. Die Säge im Regal ist nicht schlechter. Sie wartet nur auf den richtigen Käufer.

Einschätzung
Redaktionelle Einordnung
der aktien.live-Redaktion
Team Sesselmann

Der Technologiesektor läuft heiß — aber ungleichmäßig. Palo Alto Networks hat in 13 Wochen 100 % zugelegt bei einem KGV exakt am Sektor-Median von 298,9; Palantir kommt mit KGV 143 auf weniger als die Hälfte dieses Medians, verliert aber trotzdem 6,96 % in vier Wochen. Bewertungsrelative Güte schützt offenbar nicht vor Kursdruck, wenn das Momentum fehlt. Dass der Chipsektor zuletzt nach einem Nasdaq-Rücksetzer von rund 4 % eine Korrektur von über 14 % bei einzelnen Titeln erlebte, zeigt: Ein Sektordurchschnittswert von 80,5 % Momentum verdeckt erhebliche Streuung darunter.

Diese Einschätzung gibt die persönliche Meinung der Redaktion wieder und stellt keine Anlageberatung oder Kauf-/Verkaufsempfehlung dar.

Quellen & Fußnoten
  1. Korrektur: Aktien im Fokus — Ausverkauf im Chipsektor, Infineon weiter dabei
  2. Freundlicher Handel in Frankfurt — MDAX am Donnerstagmittag mit Zuschlägen
  3. Deutsche Börse News: „Viele Erfolgsgeschichten" — Deutsche Nebenwerte

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