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Marktbericht
4 min

Quanta Services +31 % in vier Wochen — und Rolls-Royce dreht ab: Was erklärt die Schere?

Quanta Services legte in vier Wochen 31,2 % zu, Rolls-Royce verlor 7,7 % über 13 Wochen — beide im selben Sektor, beide mit sehr unterschiedlichen Geschichten dahinter.

Quanta Services +31 % in vier Wochen — und Rolls-Royce dreht ab: Was erklärt die Schere?
Foto: Alexey K.

Stellen Sie sich vor, Sie öffnen eine alte Taschenuhr: Alle Zahnräder sitzen eng beieinander, aber manche drehen sich schneller als andere — und manchmal dreht eines sogar rückwärts. Genau dieses Bild kommt mir in den Sinn, wenn ich den Industriesektor gerade beobachte. Die Räder laufen, aber nicht im Gleichschritt.

Was der Makro-Rahmen gerade bedeutet

Deutschland steckt wirtschaftlich in einem ungemütlichen Moment. Das BIP — also die gesamte Wirtschaftsleistung des Landes — schrumpfte zuletzt um 0,5 %. Gleichzeitig zeigt die Industrieproduktion im Jahresvergleich ein Plus von 25,6 %. Das klingt widersprüchlich, und das ist es auch. Der Grund: Industrieproduktion misst Output-Volumen, BIP misst Wertschöpfung. Wenn Unternehmen mehr produzieren, aber zu niedrigeren Margen oder auf Lager, kann das BIP trotzdem sinken. Für Industrieanleger heißt das: Auftragslage und Auslastung sehen besser aus als die Gesamtwirtschaft — aber die Nachfrage muss diese Produktion auch irgendwann aufnehmen. Die Inflation liegt bei 2,3 %, die Arbeitslosigkeit bei 3,4 % — beides stabil, kein Alarmsignal. Geopolitisch bleibt es unruhig: Neue Spannungen rund um den Iran belasteten zuletzt die Stimmung an der Frankfurter Börse, der DAX rutschte am 8. Mai auf 24.338 Punkte.

Sektorperformance: 62 Punkte Vorsprung — aber mit Vorbehalt

Der Industriesektor liegt im 4-Wochen-Zeitraum mit einem durchschnittlichen Momentum von 63,1 % und einer relativen Stärke von 62,5 Prozentpunkten gegenüber dem DAX deutlich vorne. Der DAX selbst legte in vier Wochen nur 2,2 % zu, über 13 Wochen liegt er sogar 1,6 % im Minus. Auf den ersten Blick sieht das nach einer klaren Outperformance aus. Ich sage aber dazu: Diese Zahlen werden durch einzelne Ausreißer stark verzerrt — dazu gleich mehr. Wer den Sektor pauschal kauft, kauft auch die Schwächsten mit.

Blue Chips: Quanta Services und Rolls-Royce — zwei Welten

Quanta Services (QAA) ist ein US-amerikanischer Infrastrukturdienstleister, der Stromnetze, Pipelines und Telekommunikationsinfrastruktur baut und wartet. Das Unternehmen profitiert direkt vom Ausbau erneuerbarer Energien und dem Netzausbau in Nordamerika. Der Kurs legte in vier Wochen 31,2 % und über 13 Wochen 33,0 % zu — das ist kein Rauschen, das ist ein klares Preissignal. Beim KGV — also wie viele Jahre Gewinn man rechnerisch für den aktuellen Kurs bezahlt — liegt Quanta bei 102. Der Sektor-Median liegt ebenfalls bei 102, was bedeutet: Quanta ist nicht teurer als der Durchschnitt, aber der Durchschnitt selbst ist ambitioniert bewertet. Das EV/EBITDA — ein Maß dafür, wie teuer ein Unternehmen im Verhältnis zu seinem operativen Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen ist — beträgt 44,1, ebenfalls auf Sektor-Median. Der EPS, also der Gewinn je Aktie, liegt bei 6,22 EUR. Weitere Revisionsdaten fehlen leider. Mein Fazit zu Quanta: Das Momentum ist real, die Bewertung ist hoch, aber nicht anomal für den Sektor. Wer hier einsteigt, zahlt für Wachstumserwartungen — und sollte wissen, dass bei einem KGV von 102 wenig Spielraum für Enttäuschungen bleibt.

Rolls-Royce (RRU1) — hier als ADR gehandelt — ist vor allem als Triebwerkshersteller für die Luftfahrt bekannt, betreibt aber auch Energiesparten und Rüstungskomponenten. Das Bild ist hier ein anderes: minus 2,3 % in vier Wochen, minus 7,7 % über 13 Wochen. Das KGV liegt bei 18,3 — beim Sektor-Median von 102 ist das eine auffällig günstige Bewertung. Das EV/EBITDA beträgt 12,0, gegenüber dem Sektor-Median von 44,1. Rolls-Royce ist also fundamental deutlich günstiger bewertet als der Sektordurchschnitt. Der EPS liegt bei 0,80. Warum läuft der Kurs dann rückwärts? Mögliche Erklärung: Die Luftfahrtbranche leidet unter hohen Ölpreisen, und geopolitische Unsicherheiten belasten die Rüstungskomponente kurzfristig — Rheinmetall verlor zuletzt ebenfalls 9,2 % an einem Tag. Ich sehe hier eine Spannung zwischen günstiger Bewertung und negativem Kurstrend. Das ist kein Kaufsignal allein — aber es ist ein Wert, den ich auf der Beobachtungsliste behalte.

Nebenwerte: Ehrlichkeit vor Schönreden

MoveByBike Europe AB (6ZR) hat eine Marktkapitalisierung von 3 Millionen EUR, ein negatives EV/EBITDA von -0,17 und eine Kursveränderung von 0 % in beiden Zeiträumen. Keine Kursdaten, keine Gewinnzahlen, kein Umsatzwachstum verfügbar. Ich sage das direkt: Hier fehlt die Datenbasis für eine seriöse Einschätzung. Für Privatanleger ist das kein geeignetes Terrain.

Ostrom Climate Solutions (9EAA) zeigt ein ROC von 113,3 % in vier Wochen und 60 % über 13 Wochen. Das klingt spektakulär. Die Marktkapitalisierung liegt bei 4 Millionen EUR, das EV/EBITDA ist mit -8,8 negativ — das Unternehmen verbrennt also mehr Kapital als es operativ erwirtschaftet. Keine Kursdaten, kein KGV, kein Umsatzwachstum. Bei Micro-Caps — also sehr kleinen Unternehmen mit weniger als 50 Millionen EUR Börsenwert — können einzelne Transaktionen den Kurs um dreistellige Prozentsätze bewegen, ohne dass sich fundamental etwas geändert hat. Ich warne hier ausdrücklich: Ein ROC von 113 % bei 4 Millionen EUR Marktkapitalisierung und negativem operativen Ergebnis ist kein Qualitätssignal. Es ist ein Liquiditätsphänomen.

Sentiment-Signal: Keine Divergenzen — aber auch keine Orientierung

Für diesen Analysezeitraum liegen keine Sentiment-Daten vor — weder für die Blue Chips noch für die Nebenwerte. Das bedeutet: Ich kann keine Aussage darüber treffen, ob der Markt die aktuelle Kursentwicklung emotional antizipiert oder ignoriert. In solchen Situationen halte ich mich an die Fundamentaldaten und den Kurstrend. Beides zeigt bei Quanta Services in dieselbe Richtung. Bei Rolls-Royce zeigen sie auseinander — das ist die interessantere Situation.

Fazit: Selektiv vorgehen, nicht den Sektor pauschal kaufen

Der Industriesektor läuft dem DAX gerade davon — aber das Bild ist uneinheitlich. Quanta Services trägt das Momentum, Rolls-Royce hinkt hinterher, die Nebenwerte liefern keine belastbare Grundlage. Meine Empfehlung: Schauen Sie sich Rolls-Royce genauer an — nicht weil der Kurs fällt, sondern weil die Bewertung mit KGV 18 und EV/EBITDA 12 im Sektorvergleich auffällig günstig ist. Die Variable, die ich dabei im Auge behalte: der Ölpreis. Bleibt er hoch, bleibt der Druck auf die Luftfahrtsparte. Dreht er, könnte Rolls-Royce schnell aufholen. Die Taschenuhr läuft — aber nicht jedes Zahnrad dreht in die richtige Richtung. Wählen Sie sorgfältig aus, welches Sie beobachten wollen.

Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageberatung dar.

Hausmeinung
Redaktionelle Einordnung
der aktien.live-Redaktion
Team Sesselmann

Rolls-Royce handelt mit KGV 18 und EV/EBITDA 12 — beim Sektor-Median von 102 bzw. 44 ist das eine strukturell günstige Bewertung. Der negative Kurstrend über 13 Wochen (-7,7 %) ist real und sollte nicht ignoriert werden, aber er erklärt sich durch externe Faktoren: hohe Ölpreise, geopolitische Unsicherheit. Wir stufen Rolls-Royce auf Beobachten — ein Einstieg ist erst sinnvoll, wenn der Ölpreis dreht oder der Kurstrend stabilisiert.

Quellen & Fußnoten
  1. Aktien Frankfurt Schluss: Schwacher DAX scheitert vorerst an 25.000 Punkten

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