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Marktbericht
4 min

Sandisk mit KGV 21,6 — ein Drittel des Sektors — aber Marvell zahlt das 2,7-Fache: Wer hat hier die bessere Rechnung?

Sandisk notiert beim KGV auf einem Bruchteil des Sektor-Medians, verliert aber seit 13 Wochen fast 25 %. Marvell dreht ins Plus — und kostet beim EV/EBITDA fast das Dreifache des Sektors. Zwei Titel, zwei Widersprüche.

Stellen Sie sich vor, Sie kaufen auf dem Flohmarkt eine Uhr, die auf den ersten Blick günstig wirkt. Aber beim Aufschrauben stellen Sie fest: Das Uhrwerk läuft rückwärts. Günstig und problematisch schließen sich nicht aus. Genau dieses Bild beschäftigt mich, wenn ich mir den Technologiesektor in dieser Analyse-Periode anschaue.

Was gerade in Deutschland passiert — und warum das zählt

Die Makrodaten aus Deutschland senden ein gemischtes Signal. Das BIP wächst mit 0,24 % — das ist kein Aufschwung, aber auch kein Einbruch. Bemerkenswert ist die Industrieproduktion: Sie liegt 25,2 % über dem Vorjahr. Das klingt nach Stärke, aber ich rate zur Vorsicht bei der Interpretation. Ein solcher Sprung kann auch bedeuten, dass das Vorjahr besonders schwach war — ein statistischer Basiseffekt, der das Bild verzerrt. Die Inflation liegt bei 2,17 %, also knapp über dem EZB-Ziel von 2 %. Die Arbeitslosigkeit bei 3,8 % ist stabil. Für den Technologiesektor bedeutet das: Der Konsum ist nicht eingebrochen, aber die Investitionsbereitschaft bleibt verhalten. Unternehmen kaufen keine neuen Chips und Server, wenn die Auftragslage unsicher ist.

Der Sektor läuft dem DAX weit voraus — aber wie stabil ist das?

Der Technologiesektor zeigt im Analysezeitraum vom 24. Juli bis 21. August 2026 ein durchschnittliches Momentum von 37,5 % — gemessen am ROC, also der Kursveränderungsrate über vier Wochen. Der DAX legte im gleichen Zeitraum 4,1 % zu. Die relative Stärke des Sektors gegenüber dem DAX beträgt damit 36,3 Prozentpunkte. Das ist ein deutlicher Abstand. Aber ich möchte ehrlich sein: Dieser Durchschnittswert wird von einzelnen Titeln stark verzerrt. Wenn ein Wert im Sektor extrem stark läuft, zieht er den Schnitt nach oben — auch wenn die Mehrheit der Titel das nicht widerspiegelt. Schauen wir uns die konkreten Titel an, wird das klarer.

Auch das Marktgeschehen an der Frankfurter Börse passt zu diesem Bild. Infineon verlor zwischenzeitlich 7,6 % bei Gewinnmitnahmen, erholte sich dann wieder. Aixtron, SUSS MicroTec und Siltronic zeigten starke Einzeltage, aber mit deutlichen Schwankungen. Der TecDAX legte in der Berichtswoche rund 2,1 % zu — solide, aber nicht ruhig. Die Anthropic-Umsatzsignale stützten die Stimmung, ohne die Nervosität vollständig zu nehmen.

Sandisk — günstig auf dem Papier, schwach in der Realität

Sandisk (BW9) stellt Datenspeicher-Lösungen her — von Flash-Speichern bis zu Festplatten für Rechenzentren. Das KGV — also wie viele Jahre Unternehmensgewinn man rechnerisch für den aktuellen Aktienkurs bezahlt — liegt bei 21,7. Der Sektor-Median liegt bei 79,9. Sandisk ist damit auf KGV-Basis weniger als ein Drittel so teuer wie der durchschnittliche Sektortitel. Das klingt nach einem Schnäppchen.

Aber dann kommt der Rückwärtsgang: Der Kurs hat in den vergangenen vier Wochen 4,8 % verloren, in den vergangenen 13 Wochen sogar 24,9 %. Das ist kein kurzfristiges Rauschen. Das ist ein anhaltender Abwärtstrend. Das EV/EBITDA — ein Bewertungsmaß, das den Unternehmenswert ins Verhältnis zum operativen Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen setzt — liegt bei 17,0, exakt auf dem Sektor-Median. Hier ist Sandisk also fair bewertet. Der EPS — also der Gewinn je Aktie — liegt bei 63,71 EUR, was die niedrige KGV-Bewertung erklärt: Der Gewinn ist real, nicht nur erwartet. Ich sehe hier einen Titel, der fundamental günstig aussieht, aber vom Markt gemieden wird. Das kann ein Einstiegssignal sein — oder ein Warnsignal, dass der Markt etwas weiß, was in den Zahlen noch nicht sichtbar ist. Ohne RSI-Daten und Kurs-zu-Gleitdurchschnitt-Werte kann ich die technische Lage nicht beurteilen. Das ist eine echte Datenlücke.

Marvell — teuer, aber mit Schwung

Marvell Technology (9MW) entwickelt Halbleiter-Chips, vor allem für Datennetzwerke und KI-Infrastruktur. Das KGV liegt bei 79,9 — exakt auf dem Sektor-Median. Auf dieser Basis ist Marvell fair bewertet. Aber das EV/EBITDA erzählt eine andere Geschichte: 46,6 gegenüber einem Sektor-Median von 17,0. Das ist das 2,7-Fache des Sektors. Anleger zahlen für Marvell also einen erheblichen Aufpreis, wenn man den operativen Gewinn als Maßstab nimmt.

Gleichzeitig: Der Kurs ist in den vergangenen vier Wochen um 17,6 % gestiegen. Das ist ein klares Momentum-Signal. Über 13 Wochen liegt Marvell aber noch 16,9 % im Minus. Wer im Mai gekauft hat, sitzt noch auf Verlusten. Ich sehe hier einen Titel, der kurzfristig Fahrt aufgenommen hat — getragen von der KI-Infrastruktur-Fantasie, die den gesamten Halbleitersektor stützt. Ob das nachhaltig ist, hängt davon ab, ob die Umsätze mit der Bewertung mithalten. Der EPS liegt bei 2,52 EUR — deutlich niedriger als bei Sandisk, was die hohe Bewertung erklärt und gleichzeitig das Risiko zeigt.

Nebenwerte: Hier sage ich es direkt

Dynamite Blockchain Corp. (EVB) und XM Reality AB (5LL) zeigen beide null Prozent Kursbewegung über vier und 13 Wochen. Die Marktkapitalisierung von Dynamite liegt bei null, die von XM Reality bei einer Million Euro. Kein RSI, kein Kurs, keine Umsatzdaten. Ich kann hier keine sinnvolle Analyse liefern — und ich werde es auch nicht versuchen. Wer in Titel dieser Größenordnung investiert, braucht deutlich mehr Informationen als diese Datenlage hergibt.

Sentiment: Kein Signal, das ich nutzen kann

Für alle vier Titel fehlen Sentiment-Daten vollständig. Ich kann keine Divergenz zwischen Stimmung und Kursbewegung identifizieren. Was ich aus dem Marktgeschehen ableite: Die Stimmung im Sektor ist nervös. Rekordzahlen führen nicht automatisch zu Kursgewinnen — das zeigt der Fall Nemetschek, wo eine UBS-Verkaufsempfehlung trotz anziehenden Wachstums für Druck sorgte. Anleger reagieren derzeit sehr empfindlich auf Margendetails und Ausblicke.

Was ich Ihnen empfehle

Sandisk ist fundamental günstig — aber ein fallender Kurs über 13 Wochen ist kein Zufall. Beobachten Sie, ob sich die Abwärtsbewegung stabilisiert, bevor Sie handeln. Marvell hat kurzfristig Schwung, aber das EV/EBITDA von 46,6 lässt wenig Spielraum für Enttäuschungen. Die Variable, die ich hier im Auge behalte: die nächsten Quartalszahlen beider Unternehmen — und ob der EPS-Trend dreht. Die Uhr auf dem Flohmarkt kann ein Schnäppchen sein. Aber schauen Sie erst ins Uhrwerk, bevor Sie bezahlen.

Einschätzung
Redaktionelle Einordnung
der aktien.live-Redaktion
Team Sesselmann

Der Technologiesektor läuft dem DAX mit 36,3 Prozentpunkten relativer Stärke weit voraus — doch dieser Abstand täuscht über ein nervöses Bild hinweg. Sandisk notiert beim KGV auf einem Bruchteil des Sektor-Medians (21,7 vs. 79,9), hat aber 13 Wochen lang fast 25 % verloren; Marvell zeigt kurzfristigen Schwung, bezahlt beim EV/EBITDA jedoch das 2,7-Fache des Medians. Dass starke Quartalszahlen wie bei Nemetschek trotzdem mit Druck beantwortet werden, illustriert das eigentliche Risiko: Der Markt bestraft Margenenttäuschungen derzeit ohne Gnade.

Diese Einschätzung gibt die persönliche Meinung der Redaktion wieder und stellt keine Anlageberatung oder Kauf-/Verkaufsempfehlung dar.

Quellen & Fußnoten
  1. Aktien im Fokus: Rally bei Technologiewerten — KI-Fantasie aus USA und Asien
  2. Aktien im Fokus: Deutsche KI- und Chipwerte leiden unter Gewinnmitnahmen
  3. Aktien im Fokus: KI-Werte weiter begehrt nach Anthropic-Äußerungen
  4. Rekordzahlen, Kursrutsch — Tech-Aktien im Widerspruch zu sich selbst
  5. Deutsche Börse News Wochenausblick: Kursgewinne vor der Zahlenflut

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