Stellen Sie sich vor, Sie kaufen zwei Werkzeugkästen. Einer ist solide bestückt, kostet wenig und liegt griffbereit. Der andere glänzt, verspricht mehr — und hat einen Preisaufkleber, der Sie zweimal hinschauen lässt. Beide liegen im selben Regal. Die Frage ist nicht, welcher besser aussieht, sondern welcher seinen Preis wert ist.
Was der Makrorahmen gerade sagt
Deutschland wächst im laufenden Jahr mit 0,24 % — das ist kein Schwung, aber auch kein Einbruch. Die Industrieproduktion liegt im Jahresvergleich 25,2 % höher, die Inflation bei 2,2 %, die Arbeitslosigkeit bei 3,8 %. Das klingt stabiler, als es sich anfühlt. Für den Technologiesektor bedeutet das: Unternehmen investieren weiter in Digitalisierung und Automatisierung, aber ohne den Rückenwind eines echten Booms. Wer in diesem Umfeld wächst, wächst aus eigener Kraft.
Der Sektor läuft dem DAX weit voraus — aber der DAX selbst tritt auf der Stelle
Der DAX hat in den vergangenen vier Wochen 1,04 % verloren. Über 13 Wochen steht er bei +5,2 %. Der Technologiesektor zeigt in derselben Periode ein durchschnittliches Momentum von 44,1 % — das sind 44,4 Prozentpunkte relative Stärke gegenüber dem deutschen Leitindex. Das ist ein deutlicher Abstand. Ich sage das nicht, um Euphorie zu wecken, sondern weil dieser Abstand erklärt, warum Anleger gerade genau hier hinschauen. Gleichzeitig gilt: Ein Sektor, der so weit vorausgelaufen ist, braucht weiter gute Nachrichten, um das Tempo zu halten. Der TecDAX hat in den vergangenen Wochen mehrfach zwischen Gewinnen und Verlusten gependelt — Nemetschek gewann an einem Tag knapp 10 %, GFT Technologies sogar 15 %, während Infineon und Suss MicroTec an anderen Tagen deutlich nachgaben. Das zeigt: Die Bewegung ist real, aber nicht gleichmäßig.
Dell Technologies — solide, günstig, aber ohne Treibstoff
Dell verkauft Server, PCs und IT-Infrastruktur an Unternehmen weltweit — ein Geschäft, das wenig glamourös ist, aber verlässlich Geld verdient. Das EPS — also der Gewinn je Aktie — liegt bei 14,83 EUR. Das KGV, also wie viele Jahre Gewinn man für den aktuellen Aktienkurs bezahlt, liegt bei 29,8. Das entspricht exakt dem Sektor-Median. Weder teuer noch günstig — Dell ist beim KGV der Durchschnitt.
Interessanter ist das EV/EBITDA. Diese Kennzahl setzt den Unternehmenswert ins Verhältnis zum operativen Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen — ein robusteres Maß als das KGV, weil es Schulden einbezieht. Dells EV/EBITDA liegt bei 20,4. Der Sektor-Median liegt bei 43,3. Dell kostet also beim EV/EBITDA weniger als die Hälfte des Sektordurchschnitts. Das ist ein klarer Bewertungsabschlag. Ob er gerechtfertigt ist, hängt davon ab, wie schnell Dell wächst — und da fehlen mir aktuell belastbare Umsatzdaten. Der ROC über vier Wochen liegt bei +13,3 %, über 13 Wochen bei +15,2 %. Das ist solides Momentum, kein Ausreißer. Für Anleger, die Bewertungssicherheit suchen, ist Dell der ruhigere der beiden Kandidaten.
ServiceNow — schnell, teuer, und das aus gutem Grund?
ServiceNow entwickelt Cloud-Software für Unternehmensabläufe — Ticketsysteme, IT-Management, KI-gestützte Workflows. Das Geschäftsmodell ist skalierbar und wiederkehrend, was Investoren lieben. Der ROC über vier Wochen liegt bei +22,4 %, über 13 Wochen bei +34,1 %. ServiceNow läuft schneller als Dell, das ist klar.
Aber das KGV liegt bei 90,8 — beim Sektor-Median von 29,8 ist das mehr als das Dreifache. Das EV/EBITDA liegt bei 43,3 und damit exakt auf dem Sektor-Median. Das ist ein interessanter Widerspruch: Beim EV/EBITDA ist ServiceNow fair bewertet, beim KGV zahlt man eine erhebliche Prämie. Das EPS liegt bei 1,38 EUR — deutlich niedriger als bei Dell. ServiceNow ist ein Wachstumswert, der auf künftige Gewinne setzt. Wer das KGV von 90,8 bezahlt, glaubt, dass diese Gewinne kommen. Das kann stimmen. Aber es ist eine Wette auf die Zukunft, keine Absicherung durch die Gegenwart.
Die Nebenwerte — ein klares Bild, das keines ist
Ich schaue mir bei jedem Radar auch die kleineren Werte an. Diesmal muss ich ehrlich sein: Die Datenlage bei beiden Nebenwerten erlaubt keine seriöse Einschätzung. QBRICK AB zeigt null Kursbewegung über vier und 13 Wochen, eine Marktkapitalisierung von null und kein KGV — das sind keine Signale, das ist Datenstille. VISIONSTATE CORP. zeigt einen ROC von 600 % in vier Wochen bei einer Marktkapitalisierung von 1 Mio. EUR und einem EV/EBITDA von -3,1 — ein negativer Wert bedeutet hier, dass das Unternehmen operativ Verluste schreibt. Ein Kursanstieg von 600 % bei diesen Fundamentaldaten ist kein Qualitätssignal. Ich empfehle, beide Werte in dieser Woche zu beobachten, nicht zu handeln.
Sentiment — kein Signal, das ich nutzen kann
Für alle vier Werte fehlen Sentiment-Daten. Ich kann Ihnen deshalb keine Aussage darüber machen, ob die Stimmung der Marktteilnehmer mit dem Kursverlauf übereinstimmt oder dagegen läuft. Das ist eine Lücke, die ich nicht schönrede. Wenn Sentiment-Daten verfügbar werden, werde ich sie einbeziehen.
Was ich Ihnen jetzt empfehle
Dell und ServiceNow stehen für zwei unterschiedliche Anlagelogiken. Dell ist der Werkzeugkasten mit dem vernünftigen Preisschild — günstig beim EV/EBITDA, solides Momentum, aber ohne den Wachstumsglanz, der Fantasie weckt. ServiceNow ist der teurere Kasten mit dem Versprechen, dass er morgen noch mehr kann — schnelleres Momentum, aber ein KGV, das Vertrauen in künftige Gewinne voraussetzt. Ich empfehle Ihnen, in den nächsten Wochen das EPS-Wachstum bei ServiceNow im Blick zu behalten: Wenn die Gewinne je Aktie nicht deutlich steigen, wird das KGV von 90,8 schwer zu halten sein. Bei Dell ist die Variable das Umsatzwachstum — solange das fehlt, bleibt der Bewertungsabschlag erklärbar. Beide Werte verdienen einen Platz auf der Beobachtungsliste. Welcher davon in Ihr Depot gehört, hängt davon ab, wie viel Zukunft Sie heute bezahlen wollen.
