Stellen Sie sich vor, Sie kaufen ein gebrauchtes Auto. Der Motor klingt gut, die Karosserie glänzt. Aber das Tacho-Display ist schwarz, der Ölstand unbekannt, und der Vorbesitzer hat keine Servicehefte. Kaufen Sie trotzdem? Genau diese Frage stelle ich mir gerade beim Grundstoff-Sektor.
Was der Makro-Rahmen sagt
Deutschland schrumpft. Das BIP liegt bei -0,50 % — kein dramatischer Einbruch, aber ein klares Minus. Die Industrieproduktion dagegen zeigt ein Plus von 25,6 % im Jahresvergleich. Das klingt widersprüchlich, und das ist es auch. Ein möglicher Erklärungsansatz: Nachholeffekte nach schwachen Vorjahresmonaten verzerren den Jahresvergleich nach oben, während die Gesamtwirtschaft strukturell schwächelt. Die Inflation liegt bei 2,26 % — moderat, aber nicht verschwunden. Die Arbeitslosigkeit bei 3,36 % ist niedrig, gibt dem Konsum also noch eine gewisse Stütze.
Für den Grundstoff-Sektor bedeutet das: Industrielle Nachfrage läuft, aber das gesamtwirtschaftliche Fundament ist wackelig. Rohstoffpreise spiegeln das wider — Brent Öl bei rund 101 USD, Kupfer bei 13.309 USD, beide leicht rückläufig. Kein Ausbruch nach oben, aber auch kein Einbruch.
Sektorperformance: Relative Stärke mit Fragezeichen
Der Sektor-Durchschnitt liegt beim Momentum bei 102,7 % — das bedeutet, die Titel im Sektor haben sich im Schnitt mehr als verdoppelt, gemessen am Momentum-Index. Die relative Stärke gegenüber dem DAX beträgt 102,02 Prozentpunkte. Zum Vergleich: Der DAX selbst hat in den letzten vier Wochen nur 2,23 % zugelegt, über 13 Wochen sogar -1,55 % verloren. Der Sektor läuft dem Gesamtmarkt also deutlich voraus.
Ich sage das ruhig, weil ich weiß, dass solche Zahlen verführerisch wirken. Aber Momentum allein ist kein Kaufgrund. Es zeigt, wohin Kapital fließt — nicht warum.
Blue Chips: Shin-Etsu Chemical — zwei Notierungen, ein Bild
Shin-Etsu Chemical ist einer der weltgrößten Hersteller von Siliziumwafern — also den dünnen Scheiben, auf denen Computerchips gefertigt werden — sowie von PVC und Spezialchemikalien. Das Unternehmen taucht in meinen Daten zweimal auf: einmal als SEH0 mit einer Marktkapitalisierung von 77,6 Mrd. EUR, einmal als SEH mit 79,6 Mrd. EUR. Die leicht abweichenden Werte deuten auf unterschiedliche Handelsplätze oder Kursstellungen hin — inhaltlich handelt es sich um dasselbe Unternehmen.
Das Momentum ist bemerkenswert: SEH0 zeigt einen ROC — also die prozentuale Kursveränderung über einen Zeitraum — von +23,49 % in vier Wochen und +35,74 % in 13 Wochen. SEH liegt bei +21,56 % bzw. +31,17 %. Das ist deutlich stärker als der DAX.
Zur Bewertung: Das KGV — also wie viele Jahre Gewinn man rechnerisch für den aktuellen Aktienkurs bezahlt — liegt bei SEH0 bei 30,6, beim Sektor-Median bei 31,1. Das ist nahezu identisch: keine Unter-, keine Überbewertung gegenüber dem Sektor. Das EV/EBITDA — ein Maß dafür, wie teuer ein Unternehmen im Verhältnis zu seinem operativen Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen bewertet ist — liegt bei 13,4, exakt auf Höhe des Sektor-Medians.
Soweit, so solide. Aber hier beginnt das Problem: RSI, Kurs gegenüber den gleitenden Durchschnitten, Umsatzwachstum, EPS-Revisionstrend und Sentiment — all das fehlt. Der RSI wäre wichtig, um einzuschätzen, ob die Aktie nach dem starken Lauf kurzfristig überkauft ist. Der EPS-Revisionstrend — also ob Analysten ihre Gewinnschätzungen zuletzt nach oben oder unten angepasst haben — fehlt ebenfalls. Das sind keine Kleinigkeiten. Ich kann Ihnen deshalb keine klare Kaufempfehlung geben, auch wenn das Momentum stark ist.
Nebenwerte: Hier ist Vorsicht angebracht
Portofino Resources zeigt einen ROC von 1.700 % in vier Wochen. Das klingt spektakulär. Ich sage Ihnen direkt, was ich davon halte: Bei einer Marktkapitalisierung von null — also einem Micro-Cap, der in der Datenbank mit 0 Mio. EUR geführt wird — und einem 13-Wochen-ROC von 0 % ist das kein Momentum-Signal, das ich ernst nehme. Solche Ausschläge entstehen bei extrem illiquiden Titeln durch einzelne Trades. Das EV/EBITDA von 24,1 liegt weit über dem Sektor-Median von 13,4. Kein KGV, keine Umsatzdaten, kein Sentiment. Ich lasse das links liegen.
Hawkeye Gold & Diamond zeigt ein negatives EV/EBITDA von -4,0 — das bedeutet, das Unternehmen macht operativ Verluste, die größer sind als sein Unternehmenswert. Der 13-Wochen-ROC liegt bei -34,48 %. Auch hier: Marktkapitalisierung null, keine belastbaren Fundamentaldaten. Ich sehe hier keine investierbare These.
Sentiment: Kein Signal vorhanden
Divergenz-Signale — also Situationen, in denen Kursmomentum und Marktstimmung in entgegengesetzte Richtungen zeigen — gibt es in dieser Auswertung keine. Das liegt nicht daran, dass alles harmonisch ist, sondern daran, dass Sentiment-Daten für alle Titel fehlen. Ich kann Ihnen deshalb nicht sagen, ob der Markt die aktuelle Stärke bei Shin-Etsu bereits eingepreist hat oder ob noch Luft nach oben ist.
Fazit: Beobachten, nicht überstürzen
Der Sektor zeigt echte relative Stärke gegenüber dem DAX. Shin-Etsu ist fundamental fair bewertet und hat ein starkes Kursmomentum. Aber die Datenlücken sind zu groß, um jetzt beherzt zuzugreifen. Meine Empfehlung: Setzen Sie Shin-Etsu auf Ihre Beobachtungsliste. Warten Sie auf vollständigere Daten — insbesondere RSI, EPS-Revisionstrend und Umsatzentwicklung. Wenn diese Daten das Bild bestätigen, das das Momentum andeutet, ist das ein Titel, den ich mir genauer anschauen würde.
Das Auto klingt gut. Aber ich kaufe erst, wenn ich das Serviceheft gesehen habe.
Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageberatung dar.
