Wenn ein Unternehmen Cloud-Infrastrukturumsätze um 93 Prozent steigert und trotzdem nahe 52-Wochen-Tiefs notiert, lohnt sich ein Blick auf die Bilanz statt auf die Wachstumskurve. Genau dort liegt Oracles Problem.
S&P Global hat die Kreditwürdigkeit des Konzerns auf BBB- gesenkt — eine Stufe über High-Yield-Territorium. Begründung: die massiven Infrastrukturinvestitionen und die damit verbundenen Gegenparteirisiken bei großen KI-Kunden. Diese Herabstufung ist kein technisches Detail; sie verteuert künftige Kapitalaufnahmen und schränkt den Spielraum ein, den Oracle für seine Expansionspläne dringend braucht.
Und die sind ambitioniert. Für das Geschäftsjahr 2027 plant Oracle Investitionsausgaben von bis zu 95 Milliarden Dollar, finanziert unter anderem durch eine Kapitalaufnahme von rund 40 Milliarden Dollar — davon bis zu 20 Milliarden über eine Aktienplatzierung. Der Free Cashflow lag zuletzt bei minus 23,7 Milliarden Dollar. Das ist kein vorübergehender Investitionsdip, das ist strukturell negatives Cashflow-Profil auf Jahre.
Hinzu kommt ein Konzentrationsrisiko, das das Management selbst im Jahresbericht ungewöhnlich offen angesprochen hat: Ein erheblicher Teil des 638-Milliarden-Backlogs soll auf OpenAI entfallen. Wie hoch genau, bleibt unklar — aber die Abhängigkeit von einem einzigen KI-Großkunden ist für institutionelle Anleger schwer zu ignorieren.
Mizuho-Analyst Siti Panigrahi sieht langfristiges Potenzial und hält an einem Kursziel von 320 Dollar fest, benennt aber Verschuldung und Finanzierung als zentrale Risiken. Der Konsens liegt bei 250 bis 285 Dollar — deutlich über dem aktuellen Kurs, aber die wachsende Vorsicht gegenüber dem Schuldenaufbau ist in den Kurszielen noch nicht vollständig eingepreist.
Der heutige Rückgang ist kein Ausreißer. Er ist Teil einer Neubewertung, die der Markt seit Wochen vornimmt: Oracle wird nicht mehr als Cloud-Wachstumsstory gehandelt, sondern als hoch fremdfinanzierter KI-Infrastruktur-Wettbewerber mit unklarem Cashflow-Timing.
